
seit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990: ...Deutschland
Seit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 besteht Deutschland aus den 11 westdeutschen Bundesländern und den 5 neuen Bundesländern, die aus dem Gebiet der ehemaligen DDR entstanden sind.
Aufbruch in ein neues Deutschland
Kirchliche Wiedervereinigung...
Kirchlich wurde der Tag der Wiedervereinigung am Vormittag mit einem zentralen ökumenischen Gottesdienst in der St.-Marien-Kirche begangen, die als älteste noch genutzte Predigtkirche im historischen Stadtkern Berlins liegt.
Karl Lehmann als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz sprach einerseits von den Chancen und noch gar nicht absehbaren neuen Möglichkeiten der Einheit, wies aber auch auf Probleme hin: ...

"Viele sind ratlos und können sich nicht zurechtfinden. Was recht und schlecht funktionierte, aber so immerhin vertraut war, gibt es nicht mehr, und das verheißungsvolle Neue ist oft noch nicht überzeugend da.
Viele Menschen wurden in Lernprozesse hineingeworfen, die ihnen keine Zeit lassen. Arbeitslosigkeit bedroht viele. Es ist schwer, mit einem auslaufenden Staat zu leben. […] Das Gewicht einer wohlhabenden und erfolgreichen Bundesrepublik kann (so) auf dem anderen, der sich immer wieder in die Vorschulklasse zurückgesetzt empfinden muss, schwer lasten. Die noch so gut gemeinte Hilfe des Besitzenden kann für den, der darauf angewiesen ist, zur Zumutung werden."
Staatsakt zur Wiedervereinigung...
Richard von Weizsäcker beim Staatsakt zur Wiedervereinigung in der Berliner Philharmonie:

Richard Karl Freiherr von Weizsäcker (* 15. April 1920 in Stuttgart; † 31. Januar 2015 in Berlin) war ein deutscher Politiker (CDU). Er war von 1979 bis 1981 Vizepräsident des Deutschen Bundestages und von 1981 bis 1984 Regierender Bürgermeister von Berlin. Von 1984 bis 1994 war er der sechste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. 1985 führte er mit seiner Ansprache zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft einen Paradigmenwechsel der deutschen Vergangenheitspolitik herbei, indem er den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung würdigte. In seiner zweiten Amtszeit wurde er 1990 das erste Staatsoberhaupt des wiedervereinten Deutschlands.
Wiederum in der Berliner Philharmonie hatte Bundespräsident von Weizsäcker für den 3. Oktober 1990 einen Staatsakt angesetzt, bei dem außer ihm selbst auch die als letztes Staatsoberhaupt der DDR fungierende bisherige Präsidentin der DDR-Volkskammer Sabine Bergmann-Pohl, die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth sowie Walter Momper als Regierender Bürgermeister von Berlin Reden hielten.
Von Weizsäcker betonte in seiner Ansprache wie de Maizière am Vorabend, dass die Vereinigung Deutschlands als Teil eines gesamteuropäischen geschichtlichen Prozesses aufzufassen sei, der eine neue Friedensordnung für den Kontinent zum Ziel habe. Diesem Ziel wollten die Deutschen dienen, ihm sei ihre Einheit gewidmet.
"Wir haben jetzt einen Staat, den wir selbst nicht mehr als provisorisch ansehen und dessen Identität und Integrität von unseren Nachbarn nicht mehr bestritten wird. Am heutigen Tag findet die vereinte deutsche Nation ihren anerkannten Platz in Europa."
Für den erst begonnenen Prozess der inneren Einigung forderte der Bundespräsident vor allem wechselseitige Achtung. Es seien die Systeme, die im Großen unterschiedlichen Erfolg bewirkten, nicht die Menschen. Jedes Leben habe seinen Sinn und seine eigene Würde.
"Kein Lebensabschnitt ist umsonst, zumal nicht einer in der Not."
Die Deutschen in der DDR seien nun einem Prozess der Umstellung ausgesetzt, der...
"oft übermenschliche Anforderungen"
...mit sich bringe.
Auch unter denen, die den Untergang des SED-Regimes und die gewonnene Freiheit begrüßten, gebe es Menschen, die daran verzagten, ...
"fast alle Elemente des eigenen Lebens von heute auf morgen durch etwas Neues, Unbekanntes ersetzen zu sollen".
Auch im Hinblick auf die Stasi-Erblast wandte sich von Weizsäcker gegen ein bloßes Abschütteln der Vergangenheit. Über sie einen Mantel des Vergessens zu breiten, bezeichnete er als menschlich unzumutbar und rechtsstaatlich unerträglich.
"Recht und Gesetz nehmen ihren Lauf. Bei der Behandlung der Akten darf der erforderliche Datenschutz nicht zum Täterschutz werden. Dabei wird aber niemand die Zweifelhaftigkeit der Aufklärungsmittel verkennen. In einem System, das ohne Lügen nicht auskommt, können auch Akten lügen." Darüber hinaus aber gebe es eine politisch-ethische Verantwortlichkeit ohne Ahndungsmöglichkeit: "Schuld reicht weiter als Strafbarkeit." Ziel aber sei eine Gerechtigkeit, der es nicht um Vergeltung gehe, sondern um Aussöhnung und inneren Frieden.
Gegen die "in der Marketingsprache zeitgemäßer politischer Kommunikation" verbreitete Vorstellung, dass im Zuge des Einigungsprozesses niemandem etwas genommen werden solle und dass es nur auf die Verteilung von Zuwächsen ankomme, gab der Bundespräsident zu bedenken, dass damit das nötige Teilen nur in die Zukunft verschoben würde, für manche außerhalb der eigenen Lebenserwartung. Es führe aber kein Weg an der Erkenntnis vorbei:
"Sich zu vereinen, heißt teilen lernen. Mit hochrentierlichen Anleihen allein wird sich die deutsche Einheit nicht finanzieren lassen."
Am Ende seiner Ansprache gab von Weizsäcker der Überzeugung Ausdruck, dass das menschliche Gelingen der Einheit nicht entscheidend von Regierungsverträgen, Verfassung oder Gesetzgebung abhänge, sondern von der Bereitschaft zur zwischenmenschlichen Offenheit und Zuwendung.
Es sei im Sinne Ernest Renans das "Plebiszit eines jeden Tages", aus dem sich "der Charakter unseres Gemeinwesens" ergeben werde.
"Wir können den gewachsenen Verfassungspatriotismus der einen mit der gelebten menschlichen Solidarität der anderen Seite zu einem kräftigen Ganzen zusammenführen.
Wir wissen, wie viel schwerer es andere Völker auf der Erde zur Zeit haben. Wir haben den gemeinsamen Willen, die großen Aufgaben zu erfüllen, die unsere Nachbarn von uns erwarten.
Die Geschichte gibt uns die Chance. Wir wollen sie wahrnehmen, mit Zuversicht und mit Vertrauen."
Erstmals seit 1932: ...tagte wieder ein gesamtdeutsches Parlament im Reichstagsgebäude!
Tags darauf tagte erstmals seit 1932 wieder ein gesamtdeutsches Parlament im Reichstagsgebäude.
Gemäß Einigungsvertrag gehörten dem Bundestag nun auch 144 noch von der Volkskammer gewählte Abgeordnete an.
Als neue Bundesminister für besondere Aufgaben wurden fünf Mitglieder der vormaligen Regierung de Maizière ernannt und vereidigt, darunter auch der letzte Ministerpräsident der DDR selbst.
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Die Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland:
Die Führer der SED und Staatsratsvorsitzenden in der DDR:
- 1949–1960: Wilhelm Pieck
- 1960–1971: Walter Ulbricht
- 1971–1989: Erich Honecker
- 1989–1990: Egon Krenz
