
etwa 375 - 568 n. Chr. - Germanen Stämme gegen West-Rom - "Völkerwanderung"
Die Völkerwanderung
In der historischen Forschung wird als sogenannte Völkerwanderung im engeren Sinne die Migration vor allem germanischer Gruppen in Mittel- und Südeuropa im Zeitraum vom Einbruch der Hunnen nach Europa circa 375/376 n. Chr. bis zum Einfall der Langobarden in Italien 568 n. Chr. bezeichnet. ...
Die Völkerwanderungszeit fällt in die Spätantike und bildet für die Geschichte des nördlichen Mittelmeerraums sowie West- und Mitteleuropas ein Bindeglied zwischen der klassischen Antike und dem europäischen Frühmittelalter, da man sie beiden Epochen zurechnen kann.
Die spätantike Völkerwanderung stellt allerdings keinen einheitlichen, in sich abgeschlossenen Vorgang dar. Vielmehr spielten bei den Migrationen der zumeist heterogen zusammengesetzten Gruppen aus dem außerrömischen Barbaricum unterschiedliche Faktoren eine Rolle, wobei in der neueren historischen und archäologischen Forschung viele Aspekte der Völkerwanderung äußerst unterschiedlich bewertet werden. Zentral für die Diskussion sind dabei die Fragen, ob der Zerfall des Weströmischen Reiches Folge oder vielmehr Ursache der "Völkerwanderungen" war und ob damals tatsächlich "Völker" umherzogen oder vielmehr Kriegerverbände auf der Suche nach Beute und Versorgung (annona = "Nahrungsmittel") waren.
Die Hunnen als Auslöser der Völkerwanderung?
Der Untergang Westroms wurde nach Ansicht einiger Forscher vor allem durch die Hunnen in Gang gesetzt, deren Auftreten im 4. Jahrhundert viele Menschen gezwungen habe, ihre Heimat zu verlassen und in das Imperium Romanum einzuwandern, das diesem Druck letztlich nicht gewachsen gewesen sei.
Diese stärker an traditionellen Vorstellungen orientierte Position wird allerdings von vielen Gelehrten, wie insbesondere Guy Halsall, vehement bezweifelt, die die Rolle der Hunnen anders bewerten und Attila eher mit anderen spätantiken warlords wie Geiserich vergleichen.
Geiserich (auch Genserich, Gaiserich oder wandalisch Gaisarīks bedeutet "Speerfürst"; * um 389 am Plattensee, Pannonien; † 25. Januar 477 in Karthago) war König bzw. rex der Vandalen von 428 bis 477 und Gründer des Vandalischen Reiches im römischen Africa,
Sie bestreiten nicht, dass es einschneidende kriegerische Ereignisse und Zerstörungen gab, sehen die Züge der meist germanischen Kriegergruppen jedoch nicht als ursächlich durch die Hunnen begründet, sondern als Folge der Schwäche des römischen Westreiches, das primär inneren Konflikten erlegen sei.
Germanische Wanderungsbewegungen - vor dem Einfall der Hunnen
Schon vor dem Beginn der eigentlichen "Völkerwanderung" hatte es im außerrömischen Barbaricum Wanderungsbewegungen von germanischen Gruppen gegeben. Die Bevölkerung östlich des Rheins und nördlich der Donau strebte nach einem Anteil am römischen Wohlstand, und germanische Krieger standen dabei vor der Wahl, entweder riskante Plünderungszüge zu unternehmen oder sich stattdessen in den Dienst Roms zu stellen.
Neben militärischen Konflikten gab es daher auch friedliche Kontakte. An der unter Tiberius etablierten Rheingrenze wurde Handel getrieben und Germanen dienten häufig im kaiserlichen Heer, um so das römische Bürgerrecht zu erlangen.
Goten, Alamannen, Franken, Sachsen und Co.
Über viele Wanderungsbewegungen jenseits des römischen Horizonts wissen wir dennoch oft nur aus zumeist mündlich tradierten Berichten, die später schriftlich festgehalten wurden und dabei oft mythisch verklärt sind. Die wohl bekannteste dieser Ursprungsgeschichten, eine sogenannte Origo gentis, ist die Gotengeschichte (oder Getica) des Jordanes aus dem 6. Jahrhundert.
Entgegen seiner Darstellung, dass die Goten aus Skandinavien stammen würden, sind sie nach heutiger Erkenntnis entweder im 2. Jahrhundert n. Chr. von dem Gebiet an der Weichsel in Richtung Schwarzes Meer gezogen oder erst im 3. Jahrhundert im Zuge einer Ethnogenese an der Donau entstanden.
Die Goten verursachten nach traditioneller Lesart die erste größere Wanderbewegung und verdrängten die Vandalen und Markomannen nach Süden und die Burgunden nach Westen. Diese Bevölkerungsverschiebungen waren einer der Auslöser für die Markomannenkriege, in denen Rom der Germanen nur mit Mühe Herr werden konnte. In den 50er und 60er Jahren des 3. Jahrhunderts, als Rom mit den Symptomen der Reichskrise zu kämpfen hatte und die Abwehr durch Bürgerkriege geschwächt war, stießen gotische und alamannische Gruppen immer wieder plündernd auf den Boden des Imperiums vor.
In der heutigen Forschung ist allerdings umstritten, wie umfangreich und bedeutend diese Wanderbewegungen waren. Vieles deutet darauf hin, dass sich die neuen Stammesverbände der Franken, Alamannen, Sachsen etc. erst um 200 n. Chr. im Zuge einer Ethnogenese in unmittelbarer Nachbarschaft der römischen Provinzen formierten. Während diese Sicht bezüglich der genannten Verbänden dabei heute von den meisten Forschern geteilt wird, ist im Fall der Goten, wie gesagt, umstritten, ob sie in die Donauregion eingewandert waren oder sich erst vor Ort bildeten.
Etwa um 290 teilten sich die Goten vermutlich in Terwingen/Visigoten und Greutungen/Ostrogoten auf. Die Greutungen/"Ostgoten" siedelten sich im Schwarzmeerraum der heutigen Ukraine an. Die Terwingen/"Westgoten" ließen sich vorerst auf der Balkanhalbinsel nieder, im Raum nördlich der Donau im heutigen Siebenbürgen. Die Terwingen gerieten dabei in direkten Kontakt mit Rom, es kam sogar zu militärischen Auseinandersetzungen, die aber nicht entscheidend waren. 332 erhielten die Donaugoten den Status von Foederaten, mussten also Rom vertraglich garantierte Waffenhilfe leisten. Der Gotenzug ist vor allem deshalb von Interesse, weil die nachfolgende Entwicklung gerade für die Goten nachhaltige Folgen hatte:
Etwa zur gleichen Zeit wie die Goten wanderten Langobarden von der Unterelbe nach Mähren und Pannonien. Kleinere Einfälle in römisches Herrschaftsgebiet wurden in dieser Zeit entweder zurückgeschlagen oder endeten mit kleineren Grenzkorrekturen.
Weiter im Westen durchbrach die Stammeskonföderation der Alamannen im 3. Jahrhundert die römischen Grenzbefestigungen, den obergermanisch-raetischen Limes, und siedelte sich im sogenannten Dekumatland an, nachdem die Römer das Gebiet geräumt hatten (Limesfall). Viele gentes wurden auch als Bundesgenossen (Foederaten) gezielt an den Grenzen des Reiches angesiedelt und bildeten Puffer zu feindlicher gesinnten Stämmen.
- Als Foederaten (lat. Singular foederatus, Plural foederati) bezeichneten die Römer grundsätzlich jede Gruppe von Nichtrömern, mit denen ein Vertrag (foedus) auf staatlicher Ebene geschlossen worden war.
Rom hatte aus den Germaneneinfällen und den Bürgerkriegen des 3. Jahrhunderts gelernt und im frühen 4. Jahrhundert umfassende militärische Reformen in Angriff genommen. Wichtig war dabei, dass man seit der Gründung des persischen Sassanidenreichs beständig mit Bedrohungen an mehreren Grenzen zu rechnen hatte; die heftigen Kämpfe mit den Persern banden starke römische Kräfte und hatten so die germanischen Invasionen des 3. Jahrhunderts nach Ansicht mancher Forscher überhaupt erst ermöglicht.
Vor 378 lag die militärische Initiative in der Regel auf römischer Seite. Doch mit dem Einfall der Hunnen änderte sich die Bedrohungslage zumindest nach Ansicht von Forschern wie Peter Heather schlagartig; zugleich hatte Rom bereits das Äußerste an militärischer Leistungsfähigkeit erreicht und konnte daher nicht mehr flexibel reagieren.
Die Völkerwanderungszeit
Der Hunneneinbruch und seine Folgen
"Das Hunnenvolk, in alten Berichten nur wenig genannt, wohnt jenseits der Mäotischen Sümpfe zum Eismeer zu und ist über alle Maßen wild. […] Diese kampftüchtige, unbändige Menschenrasse brennt vor entsetzlicher Gier nach Raub fremden Gutes; plündernd und mordend überfiel sie damals ihre Grenznachbarn und drang bis zu den Alanen, den einstigen Massageten, vor."
– Ammianus Marcellinus, Res Gestae, 31, 2, 1; 31, 2, 12.[43]
Der Bericht des römischen Geschichtsschreibers und ehemaligen Offiziers Ammianus Marcellinus, den dieser im 31. Buch seines Geschichtswerks darlegt, ist die einzige zusammenhängende Darstellung des Einfalls der Hunnen.
Ammianus beschreibt die Hunnen jedenfalls mehr als Bestien denn als richtige Menschen. Er schildert, wie die Hunnen zunächst die Alanen (ein antikes iranisches Steppenvolk) niederwarfen und dann das gotische Greutungenreich Ermanarichs in der heutigen Ukraine vernichteten, wobei die Alanen wohl mit den Hunnen kooperierten.
Wer aber die Hunnen genau waren und woher sie stammten, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. In den antiken Quellen wird übereinstimmend ihre Grausamkeit und Kulturlosigkeit herausgestellt.
Einige Christen sahen das plötzliche Auftauchen der Hunnen, die mit großer Brutalität und Schnelligkeit agierten und mit den Kompositbögen eine neue Waffe einsetzten, sogar als eine Strafe Gottes an.
Später wird der Begriff "Hunnen" von westlichen Autoren allgemein benutzt wurde, um Völkergruppen zu bezeichnen, die aus der zentralasiatischen Steppe auftauchten (wie vorher die Bezeichnung "Skythen").
Als sicher gilt, dass die Hunnen, die wohl nicht unter einheitlicher Führung operierten, auf ihrem weiteren Zug nach Westen eine Fluchtbewegung mehrerer germanischer und sarmatischer Gruppen nach Süd- und Westeuropa auslösten, auch wenn inzwischen sehr umstritten ist, wie folgenreich diese Ereignisse waren.
Die Greutungen gerieten größtenteils unter ihre Herrschaft, wenn sich auch einzelne Gruppen dem Zugriff entziehen konnten (und andere dies später ebenfalls immer wieder versuchten).
Der hunnische Druck hatte wohl die Flucht des Großteils der terwingischen Goten – Krieger mit ihren Familien – an der Donau zur Folge. Unter ihrem Anführer Fritigern baten sie den römischen Kaiser Valens, der den Osten des Imperiums regierte, um die Erlaubnis, sich auf römisches Gebiet begeben zu dürfen. Valens kam diesem Ersuchen schließlich nach, und so strömten im Jahr 376 mehrere Tausend Terwingen und andere Flüchtlinge über die Donau ins Römische Reich.
Die Goten - und das römische Reich
Allerdings hatte man auf römischer Seite offenbar die Zahl der Flüchtlinge völlig unterschätzt und es noch dazu versäumt, diese auch zu entwaffnen. Infolge römischer Versäumnisse und Inkompetenz stockten die Nahrungslieferungen an die Goten, die zudem schlecht behandelt wurden. Wohl Anfang 377 erhoben sich die Goten daraufhin gegen die Römer.
Valens brach daraufhin einen geplanten Feldzug gegen das Sassanidenreich, Roms Rivalen im Osten, ab und zog Truppen zusammen, um gegen die Goten in Thrakien vorzugehen.
Während der Operationen im Sommer 377 mussten die Römer jedoch erkennen, dass der gotische Aufstand nicht so leicht zu unterdrücken war.
Valens' Neffe und Kaiser im Westen, Gratian, hatte direkte Hilfe versprochen, doch wurde er durch einen Einfall der Alamannen gebunden; der damit zusammenhängende Vorstoß Gratians war der letzte eines römischen Kaisers über den Rhein.
Am 9. August 378 kam es dann in Thrakien, im europäischen Teil der heutigen Türkei, zur Schlacht von Adrianopel zwischen den Goten und der ost-römischen Armee. Am Ende entkamen nur rund ein Drittel der römischen Soldaten und auch Kaiser Valens fiel.
Der Umstand, dass die oströmische Armee aber bereits wenige Jahre später in Bürgerkriegen gegen den Westen siegreich blieb, sowie die Tatsache, dass Ostrom im Unterschied zu Westrom die Spätantike überdauerte, spricht nach Ansicht einiger Forscher gegen die verbreitete Annahme, bei Adrianopel habe Rom eine langfristig entscheidende Niederlage gegen die Germanen erlitten.
Von Adrianopel bis zur Plünderung Roms 410: Die Goten im Imperium Romanum
Tatsächlich waren die unmittelbaren Folgen der Niederlage von Adrianopel zwar schwerwiegend, aber keineswegs der Anfang vom Ende des Imperiums.
Thrakien stand den Goten zwar zunächst weitgehend offen, dennoch konnten sie den Sieg nicht ausnutzen.
Überdies war, wie gesagt, nur die oströmische Feldarmee von den hohen Verlusten betroffen, nicht die westliche.
Gratian (Gratian, vollständiger Name Flavius Gratianus, römischer Kaiser (367-383)) eilte herbei, sah sich aber nach einigen Monaten gezwungen, einen neuen Kaiser im Osten des Reiches einzusetzen. Er entschied sich für den aus Spanien stammenden Römer Flavius Theodosius, der das Christentum zur Staatsreligion erheben sollte, erwies sich als ein tatkräftiger Kaiser.
379 bezog er in Thessaloniki Quartier und ging in mehreren Operationen gegen die Goten vor.
Allerdings litt die römische Offensive unter dem Mangel an erfahrenen Soldaten und qualifizierten Offizieren, so dass sich Theodosius schließlich gezwungen sah, auf "barbarische" Söldner zurückzugreifen.
Es war dann aber der Heermeister Flavius Saturninus, der im Oktober 382 mit den Goten in Thrakien einen Frieden aushandeln konnte.
Der Gotenvertrag von 382
Der Gotenvertrag, sah offenbar vor, dass die Goten sich auf Reichsboden an der unteren Donau ansiedeln durften.
Ob sie sich unterwarfen und formal zu Reichsangehörigen wurden, oder ob es sich bei dem Vertrag um ein foedus mit formal reichsfremden Kriegern handelte, ist unklar. In jedem Fall wurde den Goten das conubium verweigert, sie durften also keine Ehen mit römischen Bürgern eingehen. Das von ihnen besiedelte Land blieb weiterhin römisches Staatsgebiet, wenn es auch einen autonomen Status erhielt. Als Gegenleistung mussten die Goten in Kriegszeiten dem Kaiser unter eigenen Anführern dienen, das Oberkommando kam dabei aber römischen Offizieren zu.
Der Vertrag wurde früher oft als Anfang vom Ende des Imperiums angesehen, da Barbaren nie zuvor ein halbautonomes Siedlungsgebiet zugestanden worden war, noch dazu in relativer Nähe zur Reichszentrale. Allerdings betont ein Teil der neueren Forschung, dass der Vertrag in den Kernpunkten nicht wesentlich über frühere Föderatenabkommen hinausgegangen sei. Rom behauptete seinen Führungsanspruch und profitierte von den nun zur Verfügung stehenden Truppen, auf die es Theodosius vor allem ankam, da es schwierig war, kurzfristig genügend Römer für den Militärdienst einzuziehen.
Die Goten als Föderaten und als Gegner Roms
Gotische foederati sollten eine wichtige Rolle in der Militärpolitik Kaiser Theodosius' I. spielen, der nach dem Tod Gratians zwei blutige Bürgerkriege um die Macht im Imperium ausfocht, in denen er vielfach auf nichtrömische Krieger zurückgriff. Dass Theodosius ganz handfeste realpolitische und militärische Ziele verfolgte und nicht etwa ein "Freund des gotischen Volkes" war, wie Jordanes berichtet, bezeugen die hohen Verlustraten gotischer Truppen auf diesen Feldzügen. Schließlich scheiterte die vom Kaiser betriebene Integrationspolitik hinsichtlich der Goten:
Auch wenn etwa Fravitta und andere treu zu Rom standen, waren andere Goten unzufrieden mit der Vereinbarung. Bereits 391 hatten sich einige von ihnen erhoben und konnten nur mit Mühe vom west-römischen General Stilicho unterworfen werden; 392 erneuerten sie den Vertrag von 382.
In diesem Zusammenhang taucht in den späteren Quellen das erste Mal der Name Alarich auf, der angeblich aus der adligen Familie der Balthen stammte und Anführer der sich nun langsam formierenden Westgoten wurde.
Im Bürgerkrieg zwischen Theodosius und Eugenius hatten die Goten 394 wieder sehr hohe Verluste zu beklagen, wobei nicht auszuschließen ist, dass Theodosius sie bewusst opferte, um so einen potentiellen Gegner zu schwächen. Als Theodosius Anfang 395 in Mailand überraschend starb, fühlte sich die römische Regierung jedenfalls offensichtlich nicht mehr an das foedus, das er mit den gotischen Kriegern geschlossen hatte, gebunden, und entließ sie.
Daraufhin fühlten sich die Krieger betrogen und rebellierten.
Verbittert zog Alarich mit diesem vorwiegend, aber keineswegs ausschließlich aus Goten bestehenden Heer gegen Konstantinopel, um einen neuen Vertrag zu erzwingen. Die beiden folgenden Jahre waren von einem ständigen 'Auf und ab' gekennzeichnet, in dem der Heermeister Stilicho oft als Gegenspieler der Westgoten auftrat und Alarich zwischen die Fronten des sich zuspitzenden Konflikts zwischen den Kaiserhöfen in West- und Ostrom geriet, die nach der sogenannten Reichsteilung von 395 immer mehr auf Konfrontationskurs gingen. Sein Ziel war es dabei, für seine Männer eine gesicherte Versorgung durch den römischen Staat und für sich selbst einen hohen Posten in der kaiserlichen Armee zu erlangen.
Der östliche Kaiserhof versuchte zeitweilig offenbar, Stilicho (weströmischer Heermeister) und Alarich gegeneinander auszuspielen.
- Stilicho: weströmischer Heermeister der Gainas, ein romanisierter Gote, beauftrage gegen Konstantinopel zu ziehen und dort Rufinus zu töten
- Flavius Rufinus: ein oströmischer Staatsmann und mächtiger Hofbeamter in Konstantinopel)
397 wurde Alarich vom östlichen Kaiser zum Heermeister ernannt, und seine Männer wurden vorerst in Epirus angesiedelt, zogen aber 401, vielleicht als indirekte Folge der Wirren um den Putschversuch des Gainas gegen Konstantinopel, wieder ab.
- Gainas, ein romanisierter Gote, erscheint in den Quellen zuerst 394, als er in der Schlacht am Frigidus als einer der Kommandeure der gotischen foederati in der oströmischen Armee fungierte. Im Jahr 395 führte er das Heer, das der römische Heermeister Stilicho nach dem Tod des Kaisers Theodosius I. dem neuen Kaiser im Osten, Theodosius' Sohn Arcadius, zuführen musste. Zu dieser Zeit gab es erhebliche Spannungen zwischen den beiden Kaiserhöfen in Ost und West, weil Stilicho behauptete, vom sterbenden Theodosius zum Vormund von Arcadius und dem Westkaiser Honorius ernannt worden zu sein, was man in Konstantinopel aber nicht akzeptierte. Als der Prätorianerpräfekt Rufinus, der führende zivile Beamte am oströmischen Hof, von Stilicho das Kommando über die Truppen zurückforderte, erhielt der comes rei militaris Gainas von Stilicho den Auftrag, das Heer nach Konstantinopel zu führen. Wahrscheinlich bekam er überdies den Befehl, dort Rufinus zu töten. Dies geschah auch, aber der Versuch der Militärs, damit die Kontrolle auch über den östlichen Hof zu erlangen, misslang.
Alarich und seine Männer zogen plündernd durch den Balkanraum und Griechenland und fielen schließlich in Italien ein, wo sie aber 402 bei Verona eine schwere Niederlage erlitten.
Wie schon einige Jahre zuvor versuchte Stilicho, der starke Mann im Westen, dem die Leitung der Reichsgeschäfte faktisch allein zufiel, die gotischen Krieger für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Stilicho plante sogar ein gemeinsames Vorgehen gegen Ostrom.
405/06 brach allerdings unerwartet der Gote Radagaisus mit einem gewaltigen Heer in Italien ein.
Stilicho musste eiligst Truppen zusammenziehen. Es gelang ihm zwar mit hunnischer Unterstützung, Radagaisus und dessen polyethnisch zusammengesetzten Kriegerverband zu stellen und zu schlagen, doch verlor er das Interesse an Alarich.
Alarich reagierte darauf, indem er seine eigenen Truppen an der Grenze Italiens zusammenzog und einen hohen Geldbetrag und ein neues foedus von der weströmischen Regierung in Ravenna einforderte.
Stilicho lenkte nun ein, zumal sich in Britannien 407 der General Konstantin erhoben hatte und nach Gallien übergesetzt war, wo die Rheingrenze kollabiert war. Alarich wurde erneut das Heermeisteramt versprochen, worauf dieser wiederholt spekuliert hatte, um so seine Stellung im Imperium zu legitimieren. Im Gegenzug sollte er mit seinen Männern im Namen der weströmischen Regierung nun den Usurpator Konstantin bekämpfen. Vor allem sollten die materiellen Wünsche der Goten nach sicherer Versorgung durch den römischen Staat erfüllt werden. Da aber fiel Stilicho einer Hofintrige zum Opfer. Er wurde Ende August 408 hingerichtet, auch der Großteil seiner Familie und seiner Anhänger kam ums Leben.
Die Plünderung Roms 410
Mit der Ermordung Stilichos, des ehrgeizigen, aber dem weströmischen Kaiser gegenüber wohl loyalen Generals, sollte man sich in Ravenna jedoch verkalkuliert haben: Ganze Verbände barbarischer Truppen, die unter Stilicho gedient hatten, gingen zu den Goten über, darunter wohl auch die 12.000 Krieger, die der General aus dem Radagaisusheer in das Reichsheer übernommen hatte.
Der schwache weströmische Kaiser Honorius weigerte sich, das von Stilicho geschlossene foedus einzuhalten oder ein neues zu schließen, so dass Alarich handeln musste und insgesamt dreimal gegen Rom zog, um seine Forderungen durchzusetzen.
Im Oktober 408 konnte man sich in Rom, wo Durst und Hunger herrschten, noch gegen eine gewaltige Summe freikaufen.
Doch weder die römischen Senatoren noch der Bischof von Rom konnten den Kaiser im sicheren Ravenna dazu bewegen, mit den Goten zu verhandeln.
So erschien Alarich 409 wieder vor Rom, wurde offenbar in die Stadt gelassen und setzte sogar mit dem Senator Priscus Attalus einen Gegenkaiser von seinen Gnaden ein, der aber die Hoffnungen Alarichs nicht erfüllen konnte und 410 wieder abgesetzt wurde.
Wenigstens gelang es den Goten, den römischen General Sarus, einen ehemaligen Konkurrenten Alarichs um die Führung der Goten, zu schlagen.
Schließlich sah Alarich, aller Optionen beraubt, nur noch einen Ausweg.
Am 24. August 410 öffnete ihm Rom die Tore, und diesmal plünderten seine hungernden Männer die Stadt drei Tage lang, wobei Alarich, wie die meisten Goten inzwischen Christ, darauf bestanden haben soll, dass die Kirchen verschont wurden und kein Blut vergossen wurde.
Die Plünderung Roms, die erste seit dem Galliersturm 387 v. Chr., war vor allem auf die starre Haltung des Honorius (der weströmische Kaiser) zurückzuführen. Er hatte offenbar den Ernst der Lage nicht richtig erkannt, und diesmal war kein Stilicho zur Hand, um mit den meuternden Goten fertigzuwerden. Diesen ging es keineswegs um die Zerstörung Roms. Die sich hinziehenden Verhandlungen verdeutlichen vielmehr, dass Alarich für sich, seine Krieger und ihre Familien eine gesicherte Versorgung und wohl auch Siedlungsland erhalten sowie von Rom als magister militum anerkannt werden wollte. Es ging ihm und seinen Männern also letztlich darum, ihre Integration in das römische System zu erzwingen. Doch die kaiserliche Politik versagte.
Alarich, der nach wie vor vor einem Dilemma stand, aus dem er keinen Ausweg sah (insofern mutet die Plünderung Roms eher als eine Art Verzweiflungstat an), starb wenig später.
Die Führung der Goten übernahm sein Schwager Athaulf, der nun Italien verließ, um zu versuchen, über Hispanien nach Nordafrika zu gelangen.
Vandalen, Sueben und Alanen - Überfall auf Gallien
Bereits einige Jahre vor der Plünderung Roms, am 31. Dezember 406, überschritt eine große Anzahl barbarischer Krieger, vielleicht auf der Flucht vor den Hunnen oder aufgrund von Nahrungsmittelknappheit, vielleicht aber auch auf Aufforderung einer römischen Bürgerkriegspartei, den Rhein bei Mogontiacum (Mainz)
Die drei größten Gruppen stellten die Vandalen, Sueben und Alanen dar.
Die Vandalen selbst waren unterteilt in zwei Untergruppen, die Hasdingen und die Silingen, und hatten um 400 ihren Sitz etwa im Süden des heutigen Polens sowie im heutigen Tschechien; große Teile waren aber bereits von Kaiser Konstantin dem Großen in Pannonien als Foederaten angesiedelt worden. Im Winter 401/02 überfielen sie die römische Provinz Raetia, Teile schlossen sich dem oben beschriebenen Zug des Radagaisus an.
Die Identität der Sueben ist problematischer, da der Terminus zwar in älteren Quellen gebraucht wurde, dann aber um 150 n. Chr. verschwindet und erst später wieder benutzt wurde. Wie die Vandalen lebten sie aber westlich der Karpaten und sind weitgehend mit den früheren Quaden identisch.
- Die Karpaten bilden den nördlichsten Ausläufer des alpidischen Gebirgsgürtels. Zu den Karpaten gehören die Länder Polen, Rumänien, Slowakei, Ukraine, Ungarn, Tschechien und Serbien.
Die iranischen Alanen waren aus ihrer alten Heimat von den Hunnen vertrieben worden. Teile von ihnen waren ebenfalls 405/06 mit Radagaisus gezogen und hatten sich nach dessen Untergang mit vandalischen Gruppen zusammengeschlossen. Auch die Sueben stießen dazu und gemeinsam drangen sie in das Innere Galliens vor.
Föderierte Franken (Söldner der römischen Armee), die hier schon seit der Mitte des 4. Jahrhunderts angesiedelt waren, stellten sich den Angreifern ohne Erfolg entgegen.
In den verstreuten Quellen wird auch die Verwüstung dieses Zuges überdeutlich, ohne dass die wenigen am Rhein stationierten weströmischen Streitkräfte ernsthaft etwas dagegen unternehmen konnten. Allerdings wurde die Rheinverteidigung einige Jahre später noch einmal wiederhergestellt. Der Mainzer Militärdistrikt (Dukat) ist womöglich auch erst nach den Ereignissen 406/07 von Rom neu eingerichtet worden.
Kaiser Honorius schien die Kontrolle über Gallien vollkommen zu entgleiten.
Die Ansiedlung der Westgoten in Aquitanien
Die Goten unter Athaulf, dem Nachfolger Alarichs, hatten sich nach der Plünderung Roms aus Italien zurückgezogen. Offenbar sehnten sich die Goten immernoch nach einer sicheren Versorgung, die von Rom anerkannt war. Vor allem deshalb wollte Athaulf in die theodosianische Dynastie einheiraten; sein früh verstorbener Sohn bekam den programmatischen Namen Theodosius und hätte wohl Ansprüche auf den Kaiserthron erheben sollen. Doch Athaulfs Plan einer Annäherung an Honorius scheiterte am Widerstand anderer Militärs, unter denen inzwischen Flavius Constantius der mächtigste war.
Athaulf heiratete 414 in Narbonne die Schwester des Honorius, Galla Placidia, die zuvor bei der Plünderung Roms 410 in die Hände der Goten geraten war, wurde aber schon 415 ermordet.
Honorius' Feldherr Constantius, ein einstiger Gefolgsmann Stilichos, hatte sich im Krieg gegen den britannischen Usurpator Konstantin als ein talentierter General erwiesen. Er schaltete nacheinander seine Gegner aus und stieg so zum eigentlichen Machthaber in Ravenna (Italien) auf.
Bald wurde jedoch klar, dass man eine Befriedung des Westreiches nur mit zusätzlichen Truppen erreichen konnte. Darum wandte sich die weströmische Regierung wieder an die Westgoten.
Deren Anführer war seit Ende 415 Wallia, der den Krieg gegen die Römer zwar zunächst fortsetzen und sogar nach Nordafrika übersetzen wollte, Anfang 416 aber vor Constantius kapitulieren musste.
Die Goten wurden (wieder) zu römischen foederati und Constantius setzte sie gleich dazu ein, die in Hispanien eingefallenen Vandalen und Alanen zu bekämpfen, was die Westgoten in den folgenden beiden Jahren mit einigem Erfolg taten.
Die Westgoten in Aquitanien (Gallien)
Im Jahr 418 wurden die Westgoten in Aquitanien, also im Südwesten Galliens angesiedelt.
Einzelheiten sind sowohl über das foedus von 416 als auch über das von 418 nicht bekannt und müssen vielmehr aus verstreuten Quellenaussagen herausgefiltert werden. Zahlreiche Punkte sind daher in der modernen Forschung umstritten. Vermutlich einer Unterwerfung (deditio), die die Krieger aber nicht zu Römern machte, folgte ein offizieller Vertrag (foedus): Die Westgoten wurden im Garonnetal von Toulouse bis nach Bordeaux angesiedelt. Besonders kontrovers wird diskutiert, ob die Goten, wie sonst im spätrömischen Heerwesen üblich, durch das hospitalitas-System versorgt wurden, ob ihnen also Land zugeteilt wurde, oder ob sie lediglich einen Anteil an den Steuereinnahmen und der annona erhielten.
Auch wenn die Westgoten später immer wieder, vor allem aufgrund der Schwäche der weströmischen Regierung, eine unabhängige Politik betreiben sollten, was schließlich um 470 zu einer faktischen Unabhängigkeit des westgotischen Machtbereiches führte (sogenanntes Tolosanisches Reich), so stabilisierten die West-Römer doch die Lage in Gallien im Sinne der ravennatischen Regierung.
Die Ansiedlung der Westgoten geschah wohl in Kooperation mit der gallorömischen Oberschicht, zumal die Goten im Verhältnis zur römischen Zivilbevölkerung nur einen verschwindend geringen Anteil an der Bevölkerung ausmachten, was im Übrigen für alle germanischen gentes der Völkerwanderungszeit gilt.
Die Vandalen in Hispanien und ihre Eroberung der weströmischen Provinz Africa
In der Zwischenzeit hatten sich die Vandalen, sowie ein Großteil der Sueben und Alanen, 409 von Gallien nach Hispanien abgesetzt.
411 konnten die Eindringlinge der Regierung in Ravenna einen Vertrag abringen, dessen Inhalt Hydatius überliefert hat. Demnach sollten sich Teile der Vandalen und die Sueben im Nordwesten der Iberischen Halbinsel ansiedeln, die Alanen in Lusitanien und der Carthagena, die silingischen Vandalen in der Baetica.
Als dann 416 (wie bereits beschrieben) die Westgoten, jetzt als Föderaten Roms, darangingen, Hispanien von den Invasoren zu befreien, vernichteten sie den größten Teil der im Süden siedelnden Silingen und Alanen.
Ihre Reste schlossen sich dem Vandalenkönig Gunderich an. Dieser erwies sich als ein talentierter Anführer, so dass die Vandalen und Alanen zu einer wesentlich homogeneren Gruppe zusammenwuchsen.
Die Sueben blieben im Nordwesten Hispaniens zurück (Königreich der Sueben).
Die Vandalen und Alanen marschierten unter König Gunderich in den Süden Hispaniens. 422 schlugen sie dort eine römische Armee und eroberten den wichtigen römischen Flottenstützpunkt Carthago Nova; bald darauf versuchten sie sich sehr erfolgreich als Seeräuber.
Erneuter Bürgerkrieg im römischen Reich:
Flavius Constantius war 421, kurz nachdem er seine Erhebung zum Mitkaiser durchgesetzt hatte, gestorben. Als 423 auch Honorius starb, kam es zunächst zu einem erneuten Bürgerkrieg im Reich, an dessen Ende 425 der kleine Valentinian III. den weströmischen Thron bestieg. Um seine Kontrolle rivalisierten die drei mächtigen römischen Generäle Flavius Felix, Bonifatius und Aëtius, was den reichsfremden Kriegergruppen weitere Spielräume eröffnete.
428 Führung der Vandalen durch Geiserich:
Nach Gunderichs Tod übernahm 428 sein Halbbruder Geiserich, einer der fähigsten germanischen Anführer der Völkerwanderungszeit, die Führung der Vandalen.
Um seine Macht abzusichern, ließ er später die Familie Gunderichs ermorden.
Er ein fähiger Politiker und Militär, denn die folgenden Ereignisse beweisen auch einiges logistisches Können: 429 überquerten die Vandalen und Gruppen, die sich ihnen angeschlossen hatten, alles in allem etwa 80.000 Personen, die Straße von Gibraltar und setzten nach Nordafrika über. Ihr Ziel war die reiche Provinz Africa, die Kornkammer Westroms und eine der am stärksten urbanisierten Regionen des gesamten Imperiums.
Dasselbe Ziel hatten, wie bereits berichtet, nach der Eroberung Roms auch die Westgoten gehabt und waren daran gescheitert.
Ob Geiserich die logistisch sehr schwierige Operation gelang, weil er Unterstützung durch eine römische Bürgerkriegspartei erhielt, ist umstritten. Die Vandalen zogen von Ceuta aus fast 2000 km in Richtung Osten, wobei sie mehrere römische Städte einnahmen. Mitte 430 standen sie vor Hippo Regius (antike Küstenstadt in Numidien, Numidia im heutigen östlichen Algerien). Die Vandalen erreichten danach die Umgebung Karthagos (Metropole in Nordafrika nahe dem heutigen Tunis in Tunesien), das zur damaligen Zeit eine der größten Städte des Imperiums und wichtiger Flottenstützpunkt war. Die Einnahme Karthagos gelang Geiserich allerdings noch nicht.
Allerdings reichten die militärischen Mittel Westroms in Africa nicht mehr aus, um den Vandalen effektiv entgegentreten zu können. Da sich Karthago noch halten konnte, wurde 435 in Hippo Regius (antike Küstenstadt in Numidien, Numidia im heutigen östlichen Algerien) ein Vertrag zwischen Vandalen und Westrom geschlossen, dessen Details uns aber unbekannt sind. Den Vandalen wurde offenbar der bereits besetzte Teil Africas überlassen.
439 jedoch nutzte Geiserich die Gunst der Stunde und überfiel im Handstreich Karthago, womit er sich der dort stationierten Flotte bemächtigte und Rom vom Getreide aus Africa effektiv abschnitt.
442 erkannte die weströmische Regierung diesen faktischen Verlust in einem Vertrag an, wenngleich man "de iure" (by law) den Anspruch nicht aufgab.
Die reichste Provinz Westroms war damit offiziell in der Hand von Germanen, die noch dazu eine ganz beträchtliche Seemacht aufbauten. In diesem Punkt stellen die Vandalen eine bedeutende Ausnahme im Rahmen der germanischen gentes dar, ebenso wie in der Behandlung der einheimischen Bevölkerung.
Das Hunnenreich unter Uldin und Aëtius
Obwohl die Hunnen um 375 den Don überschritten und Alanen sowie die gotischen Greutungen besiegt hatten, ist die Quellenlage für die nächsten Jahrzehnte ausgesprochen dünn,
Der erste historisch und namentlich wirklich fassbare hunnische Anführer (denn die Historizität des Hunnenführers Balamir [Balamber] ist nicht gesichert) war Uldin; er herrschte um 400 über die meisten Hunnen im heutigen Rumänien. Bereits im Winter 404/405 griff Uldin oströmisches Gebiet an, 408 wiederholte er dies, wurde allerdings zurückgeschlagen und starb kurz darauf.
Peter J. Heather nimmt an, dass der größte hunnische Verband sich um 405 nochmals nach Westen bewegt und damit den Rheinübergang von 405/06 ausgelöst habe;
- Der Rheinübergang von 406 war der Übergang mehrerer großer, vorwiegend germanischer Kriegergruppen über den Rhein und ihr damit verbundenes Eindringen in die Westhälfte des Römischen Reiches zum Jahreswechsel 406/07.
Nachdem die Hunnen teils auf entschiedenen Widerstand anderer barbarischer Gruppen stießen, langsam ein überregionales hunnisches Herrschaftszentrum im östlichen Karpatenraum entwickelt zu haben, wenngleich Einzelheiten darüber praktisch nicht bekannt sind.
Dies war für das Römische Reich zunächst durchaus von Vorteil. Denn damit stabilisierten die Hunnen die römische Donaugrenze, indem es nun kaum noch zu unkontrollierten Plünderungen kam. Immer wieder werden in den Quellen zudem hunnische Krieger in römischen Diensten erwähnt.
425 griffen Tausende Hunnen in den römischen Bürgerkrieg zwischen Valentinian III. und dem Usurpator Johannes ein.
433 schloss der zu den Hunnen geflohene weströmische General Flavius Aëtius ein Abkommen mit Rua und erhielt hunnische Truppen, mit deren Hilfe er sich in einem Bürgerkrieg gegen seinen Rivalen Sebastianus durchsetzte und damit als neuer Heermeister zum neuen starken Mann im Westen und der eigentlichen Macht hinter dem weströmischen Kaiserthron wurde.
Auch in den folgenden Jahren nutzte Aëtius wiederholt hunnische Hilfstruppen: So vernichtete er mit ihrer Hilfe 436 das Burgundenreich am Mittelrhein, was den historischen Kern des Nibelungenlieds darstellt.
- Das Volk (lateinisch gens) bzw. der Kriegerverband der Burgunden, auch Burgunder, wird traditionell den Ostgermanen zugerechnet. In der Spätantike begründeten burgundische Krieger an der Rhone ein eigenständiges Föderatenreich, das im 6. Jahrhundert im Frankenreich aufging. Zuvor war der Versuch, ein burgundisches regnum am Rhein zu etablieren, das im Jahr 436 von dem weströmischen General Flavius Aëtius mit Hilfe seiner verbündeten hunnische Truppen vernichtet wurde.
- Das Nibelungenlied gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Teil stehen Kriemhilds erste Ehe mit Siegfried und Siegfrieds Tod im Mittelpunkt, im zweiten Teil Kriemhilds Rache. Das räumliche Umfeld ist das Burgundenreich am Rhein sowie Südostdeutschland und das Donaugebiet des heutigen Österreichs und Ungarns im zweiten Teil.
Die zeitgenössischen Quellen verzeichnen, dass die Burgunden faktisch völlig ausgelöscht worden seien, was aber wohl übertrieben sein dürfte, denn Aëtius siedelte 443 die Reste des burgundischen Kriegerverbandes in der Sapaudia an (deren Lokalisation unsicher ist; wohl das heutige Savoyen), ähnlich wie er Teile der in Gallien verbliebenen Alanen neu ansiedelte (etwa in Aremorica sowie im Raum von Orléans).
- Aremorica (auch Armorica, von keltisch are mori, "vor dem Meer") war in der Antike eine geographische Bezeichnung für die nordwestliche Küste des heutigen Frankreichs.
Auch ansonsten versuchte der machtbewusste Aëtius Gallien für Westrom zu sichern.
Gegen die am Rhein siedelnden Franken ging er ebenso vor wie gegen die aufständischen Bagauden, die in Gallien (unter Tibatto) und in Hispanien (unter Basilius) agierten. In einem Gedicht wurde Aëtius vom Dichter Flavius Merobaudes verherrlicht, wobei er teils auf eher "barbarische Tugenden" des Heermeisters anspielte, der sich damit als den Gegnern des Reiches ebenbürtig erwiesen habe.[120]
- Als Bagauden wurden im 3. Jahrhundert und in der Spätantike bewaffnete Bauern und Hirten in Gallien (gallische Landbevölkerung) und Hispanien bezeichnet, die sich gegen die römische Obrigkeit erhoben.
Der Hunnenführer Rua starb 434.
Er wurde vielleicht von seinen Neffen Bleda und Attila ermordet, die nun die Herrschaft über einen Großteil der europäischen Hunnen übernahmen.
Die Herrschaft Attilas
Nachdem Attila und sein Bruder Bleda die Herrschaft antraten (434), setzten sie den von ihrem Onkel Rua eingeschlagenen Kurs der Konsolidierung des "hunnischen Reiches" fort.
So forderten sie etwa vom oströmischen Kaiser die Auslieferung hunnischer Flüchtlinge und Tributzahlungen, auf die die Hunnen angewiesen waren. Mit Konstantinopel war im Vertrag von Margus (Datierung umstritten, aber wohl noch 434) eine Verständigung erreicht worden (welche zugunsten der Hunnen ausfiel), doch richteten sich 441 bzw. 442 Militäraktionen beider Brüder gegen das oströmische Reich, die unter anderem zur Einnahme der Städte Singidunum und Sirmium durch die Hunnen führten.
Mit der Ermordung Bledas (444/45) gewann Attila die Führung über die Hunnen im Donauraum, wobei aber hervorzuheben ist, dass auch Attila zu keinem Zeitpunkt Herr aller Hunnen war.
Um seine Herrschaft über das nur locker aufgebaute Hunnenreich zu stabilisieren und sich dringend benötigte finanzielle Mittel zu sichern, unternahm Attila in der Folgezeit immer wieder Feldzüge, die sich vor allem gegen Ostrom richteten. So stießen die Hunnen 447, nachdem der oströmische Kaiser Theodosius II. die Tribute verweigert hatte, tief in den Balkanraum und bis nach Griechenland vor.
Zu den Völkern, die Attila Heerfolge leisten mussten, gehörten unter anderem die Gepiden sowie Goten, die unter hunnischer Herrschaft standen.
- Die Gepiden (auch Gepidi, Gebidi; lateinisch Gipedae, Gepidae) waren ein ostgermanischer Stamm im Gebiet der heutigen Staaten Ungarn, Serbien und Rumänien, der möglicherweise mit den Goten verwandt war
Bald darauf sah sich der oströmische Kaiser gezwungen, Frieden mit Attila zu schließen, wobei den Hunnen gewaltige Zahlungen geleistet werden mussten. Auf diese römischen Zahlungen waren die Hunnen dringend angewiesen, da nur so die Führungsspitze der von den Hunnen unterworfenen Stämme an sie gebunden wurde. Blieben kriegerisch erzwungene Erfolge und Tribute aus, destabilisierte dies auch die Macht des jeweiligen Hunnenherrschers.
Währenddessen konnte die weströmische Regierung durchaus zufrieden sein. Die Hegemonie der Hunnen über eine Vielzahl germanischer Stämme verringerte das Invasionsrisiko, jedenfalls solange Ravenna im guten Einvernehmen mit dem Hunnenherrscher stand. Dafür bürgte Flavius Aëtius, der mächtige weströmische Heermeister, der sich ausgezeichneter Kontakte zu Rua erfreut hatte und diese Politik auch gegenüber Attila fortsetzte. Der Preis hierfür war allerdings die Entmachtung des Kaisers Valentinian III., da sein Heermeister und patricius spätestens seit 435 der eigentliche Herr des Westreichs war.
- Valentinian III. (* 2. Juli 419 in Ravenna; † 16. März 455 in Rom), mit vollständigem Namen Flavius Placid(i)us Valentinianus, war von 425 bis 455 Kaiser des Weströmischen Reiches.
In Konstantinopel war man freilich nicht bereit, Attila auf Dauer zu finanzieren. 448/9 wurde eine oströmische Gesandtschaft zu Attila entsandt. welcher auch der aus Thrakien stammende Priskos angehörte. Priskos berichtet auch von einem gescheiterten Versuch des oströmischen Hofes, Attila ermorden zu lassen.
Attila fällt in Gallien ein
Im Frühjahr 451 fiel Attila mit einem starken Heer, das neben Hunnen unzählige Krieger aus unterworfenen oder den Hunnen tributpflichtigen Völkern umfasste, in Gallien ein.
Allerdings hatten Attilas diplomatische Bemühungen, die Vandalen zum Kriegseintritt zu bewegen, keinen Erfolg, sondern führten lediglich dazu, dass sich die schwankenden Westgoten, Todfeinde der Vandalen, dem Aëtius anschlossen.
Die Hunnen zogen bis nach Orléans, das Attila belagern ließ.
Aëtius geben Attila:
Die Hunnen zogen bis nach Orléans, das Attila belagern ließ.
Gleichzeitig zog ihm Aëtius mit den Resten des regulären weströmischen Heeres und mehreren verbündeten gentes entgegen, darunter neben den Westgoten vor allem Franken, Sarmaten und Alanen.
Die bis heute nicht genau lokalisierte Schlacht auf den Katalaunischen Feldern bei Troyes im Juni 451 endete unentschieden.
- Die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern fand im Jahre 451 n. Chr. zwischen den römisch-westgotische Heer unter Flavius Aëtius bzw. Theoderich I. und den Hunnen und Ostgoten unter Attila statt.
Attila musste sich aber zurückziehen.
Aëtius hatte während der Schlacht womöglich sogar bewusst die Westgoten, die den rechten Flügel der Römer hielten und deren rex Theoderich I. im Kampf fiel, bluten lassen, um so einen potentiellen künftigen Gegner zu schwächen. Jedenfalls soll der General laut Jordanes befürchtet haben, dass die Goten die Römerherrschaft beseitigen würden, sollten die Hunnen erst einmal ausgeschaltet sein.
Aëtius und seine Verbündeten konnten die Hunnen zwar nicht vernichtend schlagen, wohl aber konnte man sie zum Abzug zwingen. Allerdings scheint auch der Blutzoll des weströmischen Heeres immens gewesen zu sein.
Attilas Niederlage in Italien
Attila war weiterhin stark genug, um im Folgejahr in Italien einzufallen. Dort gelangen ihm zwar einige Erfolge, so wurde etwa Aquileia erobert, entscheidend waren aber auch diese nicht.
Entscheidend waren jedoch oströmische Hilfstruppen und Veränderungen im Osten.
Dort hatte Kaiser Markian Angriffe auf hunnisches Territorium befohlen, als Gegenleistung für die endlich erfolgte Anerkennung seines Kaisertums durch Aëtius und Valentinian III.
Die koordinierte Offensive, verfehlte nicht ihre Wirkung und trug maßgeblich zur hunnischen Niederlage in Italien bei.
Attila starb 453 während seiner Hochzeit mit der Fürstentochter Ildico.
Laut Johannes Malalas hatte ihn Aëtius vergiften lassen, der auch als Drahtzieher hinter der fast zeitgleichen Ermordung des Westgoten Thorismund vermutet wurde.
Unterworfenen Völker werfen das hunnische Joch ab
Der plötzliche Tod Attilas wirkte so wie ein Fanal.
Die meisten unterworfenen Völker warfen das hunnische Joch ab, der Versuch der Söhne Attilas, das Reich ihres Vaters zu bewahren, endete mit ihrer Niederlage in der Schlacht am Nedao 454, wo die Ostgoten noch auf hunnischer Seite kämpften.
Bald darauf wandten sich aber auch die Ostgoten sich aber gegen die Hunnen, deren Reich nun noch rascher unterging als es errichtet worden war.
Die Reste der Hunnen zerstreuten sich, einige dienten aber noch im 6. Jahrhundert im oströmischen Militär. Die zuvor von den Hunnen beherrschten Gruppen agierten nun wieder auf eigene Rechnung und teils durchaus auch gegen das Imperium.
Aëtius hatte seine Machtstellung scheinbar gesichert und forderte nun die Verlobung seines Sohnes mit einer Kaisertochter, jedoch konnte er sich seines Sieges über die Hunnen nur kurze Zeit erfreuen: Im September 454 wurde er von Valentinian III. eigenhändig ermordet.
Kurz darauf, im März 455, fiel auch der Kaiser einem Attentat zum Opfer.
Eine Stabilisierung der inneren Verhältnisse im Weströmischen Reich sollte danach nicht mehr gelingen.
Das schwache Westroms
Der Tod des Aëtius war für Westrom verhängnisvoll.
Wenngleich auch er nicht in der Lage gewesen war, den Willen Ravennas im Westreich flächendeckend durchzusetzen, so hatte er wenigstens Italien und weite Teile Galliens dem Imperium gesichert und erfolgreich Krieg geführt.
- Ravenna: ist seit dem 5. Jahrhundert Erzbischofssitz. Von 402 bis 476 war die Stadt Hauptresidenz der weströmischen Kaiser.
Mit seinem Tod und dem Valentinians sollte für mehrere Föderaten (z.B germanische stämmige Söldner) das Zeichen gekommen sein, ihren Machtbereich auf Kosten Westroms auszudehnen.
Der staatliche Erosionsprozess im Westreich beschleunigte sich zusehends. In den letzten beiden Jahrzehnten seiner Existenz sollte Westrom von "Schattenkaisern" regiert werden, die teils nur wenige Monate im Amt waren und das Westreich nicht mehr stabilisieren konnten.
Im Kampf gegen Attila waren offenbar die meisten regulären weströmischen Truppen untergegangen, so dass die Regierung in Ravenna immer mehr in Abhängigkeit von foederati geriet.
Allerdings konnten Männer nichtrömischer Herkunft dem Kaiser durchaus treue Dienste leisten, wie zahlreiche Beispiele zeigen (etwa Flavius Victor, Bauto, Stilicho, Fravitta), und zudem strebten fast alle danach, sich römischer Lebensweise anzugleichen.
Es gilt also, zwischen jenen Barbaren, die sich als Soldaten in den Dienst Roms stellten, und jenen, die plündernd die Grenzen überschritten, zu unterscheiden.
Auch wenn kein germanischer Heermeister jemals selbst nach dem kaiserlichen Purpur griff (dies war den Germanen aufgrund ihres arianischen Bekenntnisses nicht möglich), so übten sie im Westen seit dem späten 4. Jahrhundert teilweise enormen Einfluss aus.
- Das arianische Bekenntnis (Arianismus): Das arianische Bekenntnis ist eine theologische Position, die besagt, dass Jesus Christus ein Geschöpf Gottes sei, das von Gott vor allen anderen Kreaturen erschaffen wurde und somit nicht wesensgleich mit dem Vater ist, was das Nicaenum verwarf. Dieser Lehre, dem Arianismus, schlossen sich insbesondere die ostgermanen, darunter die Goten, an, was für sie die erste Stufe des Christentums darstellte.
- Das Nicaenum ist das Glaubensbekenntnis, das auf dem Konzil von Nicäa 325 n. Chr. verabschiedet wurde, um den Arianismus zu widerlegen, eine häretische Lehre, nach der Jesus Christus nicht von gleicher göttlicher Natur wie Gott dem Vater sei, sondern von ihm geschaffen und ein heiliger Mann. Das Konzil verurteilte Arius und seine Lehre, da diese das christliche Konzept der Erlösung untergrub und die Anbetung Jesu als nicht-göttlich ansah.
Dem Kaiser in Konstantinopel kam zugute, dass während des 5. Jahrhunderts die Beziehungen zum neupersischen Sassanidenreich, dem großen Rivalen Roms im Osten, so friedlich waren wie nie zuvor. Auch wenn es nach dem Tod Attilas auf dem Balkan zu Kämpfen kam, etwa mit den sich nun formierenden Ostgoten, die bald Teile Pannoniens kontrollierten, tangierte dies kaum die Stabilität des Ostreichs, dessen reichste Provinzen unbehelligt blieben. Anders als Westrom konnte sich der Osten daher die Finanzierung der notwendigen Heere weiterhin leisten und sogar wiederholt, wenngleich vergebens, den Kaiser in Ravenna mit Geld und Truppen unterstützen.
455 - Die Vandalen erobern Rom
Währenddessen kam der Westen jedoch nicht mehr zur Ruhe.
Die Witwe des weströmischen Kaisers Valentinians III , Licinia Eudoxia, die nun den amtierenden weströmischen Kaiser Petronius Maximus gegen ihren Willen geheiratet hatte soll Geiserich (rex der Vandalen) zur Hilfe gerufen haben.
Drei Tage später drangen die Vandalen in die Stadt ein und plünderten sie systematisch, aber kaum in einer wilden Zerstörungswut, wie ihn der Begriff Vandalismus heute suggeriert. Die Vandalen zogen nicht nur mit reicher Beute ab, sondern überführten zudem die Witwe Valentinians sowie zwei seiner Töchter und zahlreiche hochgestellte Persönlichkeiten nach Karthago.
- Karthago war eine Metropole in Nordafrika nahe dem heutigen Tunis in Tunesien.
Der weströmischer Kaiser, Petronius Maximus, verfügte kaum über reale Macht und wurde am 31. Mai entweder von burgundischen Soldaten oder von der aufgebrachten Bevölkerung getötet.
- Flavius (Iulius)[1] Petronius Maximus (* 396; † 31. Mai 455) war vom 17. März 455 bis zu seinem Tod weströmischer Kaiser.
455 wurde Rom nun also zum zweiten Mal innerhalb von 45 Jahren erobert und geplündert, diesmal von den Vandalen.
In Rom regierte im Mai 455, also die vandalische Flotte.
Germanische Heermeister im Dienste Roms: "Germanen gegen Germanen"
Nun begann die Zeit der raschen Kaiserwechsel, an der mehrmals entweder germanische warlords oder Heermeister beteiligt waren.
Den Anfang machte der aus vornehmer gallischer Familie stammende Heermeister Eparchius Avitus, ein Anhänger des Petronius Maximus, der nun mit westgotischer Unterstützung zum Kaiser erhoben wurde. Gegen die Sueben, die in Hispanien auf die Ausdehnung ihres Reiches spekulierten, gingen die Westgoten erfolgreich vor.
Gegen die Vandalen auf Sizilien und Korsika behauptete sich 456 der General Flavius Ricimer, Sohn eines Suebenfürsten und einer gotischen Prinzessin. Von Avitus wurde Ricimer in den Rang eines Heermeisters erhoben. Als sich jedoch die Stimmung in Italien zu Ungunsten des Avitus verschob und der Kaiser in Konstantinopel ihm die Anerkennung verweigerte, wandte sich Ricimer gegen seinen Gönner und besiegte ihn im Oktober 456 bei Placentia. Avitus trat zurück und starb kurz darauf unter unklaren Umständen.
Kaiser Majorian kämpft um das zerfallende Weströmische Reich
Ricimer, nunmehr vom oströmischen Kaiser zum Patricius ernannt, ließ daraufhin den comes domesticorum Majorian zum Kaiser ausrufen.
Flavius Iulius Valerius Maiorianus (deutsch Majorian; * um 425; † 7. August 461 in Dertona) war von 457 bis 461 weströmischer Kaiser.
Als ein führender Militär des Reiches entmachtete er seinen Vorgänger Avitus mithilfe des Generals Ricimer. Einen Großteil seiner Regierung verbrachte er auf Feldzügen, mit denen er die Autorität des zerfallenden Weströmischen Reiches wiederherstellen wollte.
Majorian wurde auch vom ost-römischen Reiche anerkannt und ging in Gallien tatkräftig gegen die Goten vor, die die Gunst der Stunde nutzten und von den Wirren im Westreich profitieren wollten.
Der von Majorian eingesetzte Heermeister Aegidius operierte überdies sehr erfolgreich gegen die Franken am Rhein und eroberte das von den Burgunden besetzte Lyon zurück.
Majorian hielt Arles, Sitz der Zivilverwaltung Galliens und Hispaniens, gegen die anstürmenden Westgoten, die sich kaum mehr an ihr Föderatenabkommen gebunden sahen und auch nach Hispanien expandierten.
Schließlich gelang es Majorian sich mit den Burgunden und Westgoten zu verständigen.
460 begab sich der Kaiser persönlich mit einem Heer nach Hispanien; es war das letzte Mal, dass ein römischer Kaiser die Iberische Halbinsel betrat.
461 plante Majorian eine Invasion Africas, da die Vandalen weiterhin die Getreidelieferungen nach Italien blockierten. Als jedoch 460 vandalische Schiffe in Hispanien die römische Invasionsflotte zerstörten (Schlacht bei Cartagena), musste der Kaiser den Plan aufgeben.
Kurz darauf wurde Majorian auf Befehl Ricimers festgesetzt und ermordet, vielleicht nicht primär aufgrund der misslungenen Operation, die wohl nur einen Vorwand für den Putsch bot, sondern womöglich auch aufgrund des eigenständigen Handelns des Kaisers.
Ricimer betätigte sich wieder als Kaisermacher und erhob den Senator Libius Severus zum neuen Augustus.
Der gallische Heermeister Aegidius und die kleine gallorömische Enklave
Die Ermordung Majorians hatte jedoch zur Folge, dass Aegidius, der gallische Heermeister und Freund des Ermordeten, dem neuen Kaiser Libius Severus die Anerkennung verweigerte.
Als Ricimer ihn 461 absetzen wollte, rebellierte Aegidius, wurde aber durch eine Offensive der Westgoten gezwungen, nach Nordgallien auszuweichen.
Nordgallien konnte von Aegidius mit Teilen seines Feldheeres und fränkischen Verbündeten gehalten und ein eigener Machtbereich im Raum von Soissons errichtet werden. Die kleine gallorömische Enklave hielt sich sogar über das Ende des Westreichs hinaus.
Im Kern handelte Aegidius nun als ein Warlord, der von den zeitgenössischen Umständen profitierte und aus dem zerfallenen weströmischen Reich einen Teil nun für sich beanspruchte.
Die Expansion der Franken
Nach dem Tod des Aegidius (464 oder 465), übernahm vielleicht zunächst ein nicht näher bekannter Offizier namens Paulus das Kommando (der eventuell aber auch auf eigene Rechnung operierte), danach der Sohn des Aegidius, Syagrius.
486/87 fiel die Enklave der fränkischen Expansion unter Chlodwig I. zum Opfer.
In Trier wiederum konnte sich der comes Arbogast der Jüngere, offenbar ein romanisierter Franke, bis nach 475 gegen die Franken behaupten.
Trier fiel wohl erst in den 480er Jahren an die rheinischen Franken.
West- und Ost-Rom gegen die Vandalen
Auch Libius Severus hielt sich nicht lange auf dem weströmischen Thron: Er wurde 465 ermordet.
Während der folgenden anderthalb Jahre machte sich Ricimer nicht mehr die Mühe, einen Kaiser zu bestellen, sondern verhandelte mit dem Osten.
Aus Konstantinopel traf dann 467 der General und Aristokrat Anthemius ein, der das weströmische Kaiseramt übernahm. Anthemius war vom Ostkaiser mit Truppen und sehr viel Geld ausgestattet worden; er verbündete sich mit Ricimer und ernannte mit Marcellinus einen zweiten Heermeister.
Das Ziel war es, endlich Geiserich zu beseitigen, dessen Position in Karthago eine Stabilisierung Westroms unmöglich machte. Während in Gallien und Noricum (siehe auch Limes Noricus) die römische Verteidigung gegenüber den Germanen immer mehr bröckelte und schließlich faktisch kollabierte, wandte sich Anthemius also den Vandalen zu und plante 468 in Kooperation mit Ostrom eine großangelegte Invasion Africas, um diese wichtige Provinz wiederzugewinnen. Doch dieser Plan schlug fehl, die große römische Flotte wurde von den Vandalen vor Karthago in Brand gesteckt.
Der letzte römische Kaiser von Ricimers Gnaden
Was dem Vandalenreich das Überleben sicherte, erschütterte die Machtbasis des weströmischen Kaisers nachhaltig und entscheidend.
In Gallien breiteten sich Westgoten, Burgunden und Franken auf Kosten Westroms nun immer weiter aus, nur die Auvergne und die Provence waren noch zu halten. Vor allem der Westgote Eurich (II.) brach nun den Vertrag (foedus) mit Westrom und stieß nach Südgallien und Hispanien vor. Ein ansonsten nicht bekannter bretonischer (oder britischer?) Anführer namens Riothamus soll die Römer in ihrem Abwehrkampf unterstützt haben, wurde aber von den Westgoten geschlagen.
Als sich Anthemius mit Ricimer überwarf, war das Ende abzusehen; es kam zum Bürgerkrieg: Ricimer belagerte den Kaiser in Rom, im Juli 472 wurde Anthemius von einem Neffen Ricimers, dem Burgunden Gundobad, ermordet.
Seine Nachfolge als weströmischer Kaiser trat Olybrius, der Kandidat Geiserichs, an. Offenbar setzte Ricimer nun auf ein Bündnis mit den Vandalen, doch bald darauf verstarb auch er. Er wird in der Forschung traditionell sehr negativ und weitaus weniger differenziert bewertet als beispielsweise Stilicho und Aëtius. Sicherlich hatte er vor allem die eigenen Interessen im Blick, gleichzeitig war er aber bemüht, die wenigen verbliebenen Ressourcen Westroms zu bündeln und zur Verteidigung Italiens zu nutzen. Am Ende reichte dies jedoch nicht aus, nur vier Jahre später wurde Olybrius von Ricimers Gnaden, der letzte Kaiser von Ricimers Gnaden in Italien, abgesetzt.
Der "Untergang Westroms"
Olybrius, der von Geiserich geförderte Kandidat und letzte Kaiser von Ricimers Gnaden, starb Anfang November 472, nur wenige Monate nach dem Tod des Ricimer.
Das Heermeisteramt blieb nicht lange unbesetzt. Ricimer folgte sein oben erwähnter Neffe Gundobad als patricius et magister militum nach, der im März 473 den Beamten Glycerius zum Kaiser erheben ließ.
Allerdings verweigerte ihm der oströmische Kaiser Leon I. die Anerkennung und favorisierte stattdessen den Heermeister von Dalmatien, Julius Nepos. Dieser war ein Neffe des Marcellinus, jenes Generals, den Majorian einst als Gegengewicht zu Ricimer benutzt hatte. Nepos landete im Juni 474 im Hafen Portus und zog kurz darauf in Rom ein.
Glycerius, der zuvor immerhin einen westgotischen Angriff auf Italien abwehren konnte, sah die Hoffnungslosigkeit der Lage ein und trat zurück, um sein Leben als Bischof von Salona zu beschließen,
Gundobad ging nach Gallien und bestieg den burgundischen Königsthron.
Tremissis des Julius Nepos
474 schloss das neue oströmische Herrscherkollegium Leon II. und Zenon ein foedus mit Geiserich, womit die vandalischen Angriffe auf Italien vorerst aufhörten und seine Position auch von Ostrom anerkannt wurde.
Julius Nepos sah sich derweil mit einer schwierigen Situation konfrontiert.
Das Imperium hatte Hispanien inzwischen vollkommen an die Sueben und Westgoten verloren.
In Gallien hatten die Westgoten Clermont-Ferrand belagert, wo der bereits erwähnte Sidonius Apollinaris die Verteidigung mit organisierte, und 471 die letzte größere weströmische Heeresabteilung unter Führung des Anthemiolus vernichtet.
473 fielen Arles und Marseille an die Goten, die dabei aber sowohl in der Auvergne als auch im spanischen Ebrotal noch auf erbitterten römischen Widerstand stießen. Den bereits faktischen Verlust der Auvergne erkannte der Kaiser Julius Nepos 475 in einem Vertrag mit dem Westgotenkönig Eurich auch de iure an (gallorömischen Reich) und zog den Heermeister Ecdicius aus Gallien ab.
Die Abtretung zerstörte allerdings das gerade erst aufkeimende Vertrauensverhältnis zwischen dem Kaiser Julius Nepos und der römischen Aristokratie.
Kurz darauf erhob sich der Heermeister Flavius Orestes, ein ehemaliger Hofbeamter Attilas, gegen Nepos, verjagte ihn aus Ravenna und setzte dafür seinen eigenen kleinen Sohn Romulus auf den weströmischen Thron.
Die Römer gaben dem kleinen Kaiser den Spottnamen "Augustulus" (kleiner Augustus). Es wurde immer offensichtlicher, dass das westliche Kaisertum nur noch einen Schatten früherer Macht darstellte und die Regierung in Ravenna allenfalls Italien selbst unter Kontrolle hatte.
476 erhob sich das italische Heer, das nun fast vollkommen barbarisiert war und Siedlungsland in Italien beanspruchte, unter Führung des foederati Odoaker, Sohn des Skirenfürsten Edekon, gegen Orestes. Dieser wurde im August 476 geschlagen und getötet; Anfang September nahm Odoaker Ravenna ein.
- Die Skiren waren ein germanischer Volksstamm im Osten Mitteleuropas. Nachdem sie – wohl im Jahr 381 – vergeblich versucht hatten, in das Römische Reich einzudringen, wurden sie in der Völkerwanderungszeit im 5. Jahrhundert von den Hunnen unterworfen. Nach dem Tod Attilas im Jahr 453 errichtete Edekon ein kurzlebiges Skirenreich im Alföld, das aber bereits im Jahr 469 unterging.
Teile der Skiren zogen mit West- und Ostgoten nach Westen, andere traten als Foederaten in römische Dienste. Unter diesen Foederaten war auch ein Sohn Edekons, Odoaker, der nach der Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus im Jahr 476 von den italischen Foederatentruppen zum König ausgerufen wurde. Die Skiren als intakte gens hatten zu dieser Zeit bereits aufgehört zu existieren.
Der Untergang des Volksstammes der Skiren ist nicht detailliert dokumentiert, da sie nur selten in historischen Quellen erwähnt werden. Ihr Ende ist wahrscheinlich mit der allgemeinen Auflösung germanischer Stammesverbände und der politischen Umwälzungen während der Völkerwanderung verbunden, insbesondere durch die Eroberung durch andere germanische Stämme, die sich auf dem Gebiet des Römischen Reiches niederließen.
Der Sieger Odoaker verhielt sich als ehemalige Foederat gegenüber Kaiser Romulus aber großzügig: Er erlaubte ihm am 4. September 476 abzudanken und gewährte ihm eine Geldzahlung.
Odoaker, der auch den Königstitel (Italiens?) annahm, machte sich nicht mehr die Mühe, einen neuen Westkaiser zu erheben, sondern sandte die kaiserlichen Insignien nach Konstantinopel, womit das westliche Kaisertum abgeschafft war!
Odoaker verteidigt den weströmischen Hof und Senat gegen Ost-Rom
Der weströmische Hof und der Senat blieben hingegen bestehen.
Odoaker bat (erfolglos) darum, vom dortigen Augustus zum patricius erhoben zu werden und regierte in der Tradition von Männern wie Ricimer.
Allerdings erreichte er nie die dauerhafte Anerkennung des oströmischen Kaisers Zenon. Dieser mobilisierte vielmehr die Rugier gegen den Usurpator.
- Zenon, griechisch Ζήνων, lateinisch Flavius Zeno († 9. April 491), war vom 29. Januar 474 bis zu seinem Tod (ost-)römischer Kaiser. Als Alleinherrscher regierte er ab November 474, unterbrochen von einem 20-monatigen Exil vom Januar 475 bis Juli 476.
- Die Rugier (auch Rygir oder Routiklioi) waren ein zwischen Weichsel und Oder ansässiger ostgermanischer Stamm ("Weichselgermanen"). Während der "Völkerwanderung" schlossen sich Teile der Rugier den Hunnen an. Unter ihrem König Flaccitheus errichteten Rugische Krieger um 470 ein Reich im heutigen Niederösterreich und zogen schließlich 489 mit den Ostgoten nach Italien.
Doch Odoaker vernichtete das Rugier Reich im Jahr 487/88.
Er vernachlässigte auch nicht die Sicherung Italiens, sein Feldherr Pierius sorgte für die Umsiedlung der römischen Bevölkerung des bedrohten Noricum nach Italien.
Das Noricum ist ein von den Römern so benanntes Gebiet, welches grob das Ostalpengebiet südlich der Donau umfasst, also den Großteil des Gebietes des heutigen Österreichs, sowie angrenzende Gebiete Bayerns östlich des Inn und Sloweniens (Unterkärnten). Im Westen grenzte das Gebiet an Raetien, im Osten an Pannonien.
Das Jahr 476 - das "Ende Roms"!?
(am 4. September 476 erlaubte Odoaker dem besiegten jungen Kaiser Romulus abzudanken)
Diese Ansicht kann jedoch nur sehr bedingt Gültigkeit beanspruchen.
Zum einen regierte der letzte anerkannte weströmische Kaiser, Julius Nepos, noch bis 480 im dalmatischen (Dalmatien = an der Adriaküste Kroatiens) Exil.
Zum anderen ist es fraglich, ob die Zeitgenossen dieses "Epochendatum" wirklich als das "Ende Roms" empfanden.
Denn die Idee des Gesamtreiches existierte weiter, nur war nun der Kaiser in Konstantinopel der einzig legitime Kaiser.
In den folgenden zwei Jahrhunderten sollte es zudem nicht an Versuchen fehlen, das weströmische Kaisertum zu erneuern, und überdies blieb ja der westliche Hof mit seinen Ämtern ebenso wie die weströmische Regierung Italiens bestehen, nun eben ohne einen eigenen Kaiser.
Der ideelle Vorrang des oströmischen Kaisers wurde auch weiterhin jahrzehntelang von den germanischen Herrschern anerkannt und respektiert.
Erst Marcellinus Comes, ein oströmischer Chronist, stellte um 520 das Jahr 476 als Enddatum des weströmischen Reiches dar. Diese Vorstellung übernahm er vielleicht aus einer anderen Quelle, sie spiegelt aber vor allem den östlichen Standpunkt um diese Zeit wider, jedoch kaum den der westlichen Senatsaristokratie, die auch das Ende des westlichen Kaisertums überstand.
König Odoaker zog die im Grunde nur folgerichtige Konsequenz, ohne eigenen Kaiser in Italien zu regieren, da das westliche Kaisertum davor eher destabilisierend gewirkt hatte.
Als der oströmische Kaiser Zenon schließlich im Jahr 488 ostgotische foederati unter dem Amaler Theoderich nach Italien sandte, um Odoaker zu entmachten, stützte sich der Gote Theoderich auf seine eigenen Krieger und bezog seine Autorität gleichermaßen aus seinem Amt als oströmischer patricius und magister militum wie aus seiner Position als gotischer rex.
Die Ostgoten in Pannonien und Italien
Die greutungischen Goten ("Ostgoten") waren von dem Hunneneinbruch um 375 mit am härtesten getroffen worden. Wenn sich auch einige Gruppen dem hunnischen Zugriff entziehen konnten, so geriet die Masse der Greutungen unter hunnische Herrschaft. Gotisch scheint sogar eine der Verkehrssprachen im Hunnenreich Attilas gewesen zu sein und mehrere gotische Namen (wenn wohl auch nicht originär benutzt) sind für Hunnen bezeugt.
Als Anführer der unter hunnischer Herrschaft lebenden greutungischen Krieger erscheinen am Ende von Attilas Herrschaft drei Brüder: Valamir, Thiudimir und Vidimir aus dem Geschlecht der Amaler.
Hatten die sich nun formierenden Ostgoten zunächst in der Schlacht am Nedao 454 noch auf Seiten der Attilasöhne gekämpft, so wandten sie sich bald gegen ihre alten Herren und errichteten schließlich in Pannonien einen eigenen Herrschaftsraum.
- Pannonien ist eine historische Landschaft in Westungarn, deren Name sich von der römischen Provinz Pannonia ableitet. Der Name erhielt sich über das Ende der römischen Herrschaft hinaus und wurde bis zur Ankunft der Magyaren in der Pannonischen Tiefebene auch für politische Grenzziehungen eingesetzt.
Dabei kam es zu Kämpfen sowohl mit oströmischen Truppen als auch mit anderen Barbarenstämmen.
Der vorläufige Höhepunkt war mit dem Sieg der Ostgoten in der Schlacht an der Bolia 469 erreicht, in der sie eine Koalition aus Sueben unter Hunimund, Gepiden, Skiren und wohl auch Rugiern schlugen.
Der Sohn Thiudimirs, Theoderich (der später "der Große" genannt und als Dietrich von Bern zur Sagengestalt wurde) hatte einige Zeit als Geisel in Konstantinopel verbracht. Wieder nach Pannonien zurückgekehrt, wurde er von seinem Vater als Teilherrscher eingesetzt.
Ein anderer Ostgote, Theoderich Strabo, der Anführer der in Thrakien siedelnden gotischen Föderaten, wurde von Kaiser Leon zum oströmischen Heermeister ernannt.
Wenn gleich Leons Nachfolger Zenon den Amaler Theoderich als Gegengewicht aufbauen wollte, konnte sich Theoderich Strabo behaupten.
Der Geschichtsschreiber Malchus von Philadelphia schildert in seinem (nur fragmentarisch erhaltenen) Geschichtswerk die Ereignisse recht ausführlich:
481 kam Theoderich Strabo jedoch bei einem Reitunfall ums Leben.
Erst jetzt war der Weg für den Amaler Theoderich frei, der seine Gefolgschaft durch die Aufnahme von Kriegern aus den Reihen des Verstorbenen beträchtlich verstärken konnte. Er wurde nicht nur zum Heermeister ernannt, sondern durfte 484 sogar das prestigeträchtige Konsulat bekleiden.
487 kam es dennoch zur Konfrontation, die Zenon geschickt löste: Er beauftragte den Amaler, die Herrschaft Odoakers in Italien zu beenden; Theoderich wurde von ihm zum patricius ernannt und sollte demnach Odoaker als faktischen Regierungschef in Ravenna ablösen.
Noch im Herbst 488 brachen die Ostgoten Theoderichs auf, wobei Teile jedoch zurückblieben und sich auch Rugier (Odoaker vernichtete zuvor das Rugier Reich im Jahr 487/88, nachdem diese bereits zuvor von Kaiser Zenon gegen Italien geschickt wurden) und andere wiederum dem Treck anschlossen.
Im Spätsommer 489 erfolgte der Einbruch in Italien.
Odoaker wurde mehrmals besiegt, zog sich aber in das schwer befestigte Ravenna zurück.
493 ergab sich Odoaker, nachdem ein Kompromiss ausgehandelt wurde, wonach er an der gotischen Herrschaft beteiligt werden sollte.
Kurz darauf brach Theoderich jedoch sein Versprechen und tötete ihn unter einem fadenscheinigen Vorwand. Theoderich führte eine kurze, aber blutige Säuberung durch, die die gotische Herrschaft über Italien vorläufig sichern sollte.
Theoderichs Rechtsstellung – herrschte er formal als patricius et magister militum in der Tradition eines Ricimer, oder hat man ihn eher als Goten König eigenen Rechts zu betrachten? – ist seit langem in der Forschung umstritten.
In Italien betrieb er jedenfalls eine recht geschickte Ausgleichspolitik zwischen gotischen foederati und Italikern.
Theoderich förderte die römische spätantike Kultur im Ostgotenreich in Italien, wenngleich in seiner Regierungszeit auch der römischen Philosoph Boethius hingerichtet wurde. Angesichts des Fortbestandes der meisten römischen Hof- und Verwaltungsämter (wie der referendarius) und des Senates argumentieren einige Forscher, "Theoderich und seine Nachfolger hätten weniger über ein eigenes ostgotisches Reich geherrscht als vielmehr über den Rumpf des Weströmischen Reiches."
497/98 wurde Theoderich von Konstantinopel (nochmals) offiziell als "Statthalter" des Kaisers anerkannt, später verschlechterten sich die Beziehungen jedoch wieder.
Theoderich betrieb eine weitgespannte Bündnispolitik, in die auch die benachbarten regna eingebunden werden sollten. Letztendlich hatte diese Strategie jedoch keinen großen Erfolg:
Die Franken sollten 507 die Westgoten empfindlich schlagen und die Kontrolle über den Großteil des westgotischen Galliens erlangen, vor allem im Norden.
Ostgotische Truppen unter Theoderich besetzten daraufhin Teile Südgalliens, und 511 wurde Theoderich sogar als König der Westgoten anerkannt, wenngleich diese Verbindung mit seinem Tod wieder erlosch.
Gotenkriege um Italien
Nach dem Tod Theoderichs 526 begann eine Zeit der Thronkämpfe.
Die amtierende Regentin Amalasuntha versuchte das belastete Verhältnis zu Konstantinopel zu entspannen.
Die Opposition um ihren Vetter und Mitregenten Theodahad jedoch ließ sie 535 ermorden.
Dies lieferte dem oströmischen Kaiser Justinian den willkommenen Vorwand, das Ostgotenreich anzugreifen. Sein General Belisar, der 533/34 bereits das Vandalenreich in Nordafrika zerschlagen hatte, eroberte Sizilien und Unteritalien.
Der sich noch über Jahre hinziehende Gotenkrieg, führte zur Verwüstung weiter Landstriche Italiens und hatte den wirtschaftlichen Niedergang des vorher prosperierenden Landes zur Folge.
Sogar die Franken mischten sich ein und fielen in Norditalien ein, wo sie schrecklich wüteten.
Ein weiteres Zentrum der Kämpfe war die Stadt Rom, die mehrmals den Besitzer wechselte.
Der hartnäckige Widerstand der Goten, die sich mehrmals neu sammelten (siehe etwa Totila), wurde erst 552 gebrochen, wenngleich sich einzelne gotische Widerstandsnester noch einige Zeit hielten.
Doch auch anschließend kam das Land nicht zur Ruhe, denn bereits 568 fielen die Langobarden ein (siehe unten).
Die Langobarden
Der Ursprungsmythos der Langobarden (Origo gentis) ist in der sogenannten Origo Gentis Langobardorum überliefert. Demnach hatte der Gott Wodan den Langobarden einst zum Sieg über die Vandalen verholfen, während sie selbst angeblich aus Skandinavien stammten. Wie so oft bei derartigen Quellen sind kaum historische Bezüge zu rekonstruieren.
Im 1. und 2. Jahrhundert sind Langobarden jedoch durch römische Quellen an der unteren Elbe bezeugt, ansonsten werden sie wenig erwähnt, und auch die archäologische Forschung erlaubt es nicht, ihre Wanderwege zu rekonstruieren.
Wahrscheinlich zogen langobardische Gruppen bis zum 5. Jahrhundert die mittlere Elbe entlang nach Böhmen.
- Böhmen (tschechisch Čechy, lateinisch Bohemia) war eines der Länder der Böhmischen Krone. Als ehemaliges Königreich Böhmen bildet es mit Mähren und dem tschechischen Teil Schlesiens das Staatsgebiet des heutigen Tschechien, ist aber keine eigenständige administrative Einheit mehr.
Um 500 geraten sie in das Blickfeld der spätantiken Historiografie, nachdem sie um 488 das verlassene Rugiland in Besitz genommen hatten.
Paulus Diaconus, der im 8. Jahrhundert mit sener Historia Langobardorum eine Geschichte der Langobarden auf Grundlage älterer Quellen verfasste (siehe Secundus von Trient), berichtet davon, dass die Langobarden damals den Herulern tributpflichtig wurden, sie dann aber besiegen konnten.
- Die Heruler (lateinisch Eruli bzw. etymologisch nicht korrekt Heruli) waren ein (ost)germanischer Stamm, der in den 60er Jahren des 3. Jahrhunderts n. Chr. am Schwarzen Meer zum ersten Mal geschichtlich in Erscheinung trat und bis ins 6. Jahrhundert in den Quellen belegt ist.
Die Langobarden und Ostrom
Die Langobarden kamen nun in Kontakt mit Ostrom.
Im Zusammenhang mit dem Gotenkrieg Justinians ging der langobardische rex Audoin, ein Bündnis mit dem Kaiser in Konstantinopel ein.
Audoin hatte mit seinem Kriegerverband zuvor ehemals ostgotische Besitzungen in Pannonien erobert,
Dies war für beide Seiten von Vorteil:
...da die Römer Truppen benötigten, um den ostgotischen Widerstand in Italien zu brechen...
...während die Langobarden wiederum Rückendeckung gegen die expansiven Gepiden erhielten.
- Die Gepiden (auch Gepidi, Gebidi; lateinisch Gipedae, Gepidae) waren ein ostgermanischer Stamm im Gebiet der heutigen Staaten Ungarn, Serbien und Rumänien, der möglicherweise mit den Goten verwandt war.
552 ging der oströmische General Narses nach Italien, wobei ihn einige Tausend langobardische foederati unter Alboin, dem Sohn Audoins, begleiteten. Narses sah sich allerdings gezwungen, die angeblich völlig undisziplinierten Langobarden zurückzuschicken,
Die Langobarden gegen die Gepiden
Der um 560 an die Macht gelangte Alboin plante nun die Vernichtung des Gepidenreichs. Zu diesem Zweck schloss er ein Bündnis mit den Awaren, einem erst kurz zuvor in Ostmitteleuropa aufgetauchten Reitervolk aus Zentralasien, das bald darauf im Donauraum ein mächtiges Reich errichtete und sogar das Oströmische Reich bedrängte. 567 schlug Alboin die Gepiden, ohne dass die Awaren überhaupt eingreifen mussten. Den Gepidenkönig Kunimund tötete Alboin eigenhändig, wobei er aus dem Schädel des Toten angeblich einen Trinkbecher anfertigen ließ. und heiratete Rosamunde, die Tochter des Gepidenkönigs.
Die Langobarden in Italien
568 nutzte Alboin seine gestärkte Position und zog mit den Langobarden und Teilen anderer gentes aus dem Karpatenraum nach Norditalien.
Trotz der Verheerungen durch den Gotenkrieg bot die alte Kernprovinz des Imperiums immer noch die verlockende Aussicht auf reiche Beute und war für Alboin, der seinen Männern Beute verschaffen musste, daher attraktiv.
Die oströmische Gegenwehr war schwach, zumal ohnehin nur noch relativ wenige Truppen in Italien standen. Mehrere Städte, darunter Mailand, ergaben sich. Pavia hingegen öffnete erst nach dreijähriger Belagerung die Tore und wurde zur Hauptresidenz der Langobarden.
Selbstständig operierende Kriegergruppen stießen sogar nach Süditalien und auf fränkisches Gebiet vor.
Ravenna, Rom und die Seestädte wie Genua konnten sich hingegen halten und blieben vorerst unter kaiserlicher Kontrolle.
In Cividale del Friuli hatte Alboin bereits kurz nach Beginn der Invasion ein Dukat (Verwaltungsbezirk) unter Leitung seines Neffen, des dux Gisulf, eingerichtet.
- Cividale del Friuli (furlanisch Cividât, slowenisch Čedad, deutsch gelegentlich Östrich) ist eine Stadt in der nordostitalienischen Region Friaul-Julisch Venetien.
Das Dukat war offensichtlich an das spätrömische Militärsystem angelehnt, und tatsächlich verband Alboin das bestehende Verwaltungssystem mit der bisherigen langobardischen Militärordnung der farae. Diese Form der Herrschaftsorganisation sollte bald prägend für die Langobarden werden.
572 wurde Alboin ermordet. Seine Frau Rosamunde (die Tochter des Alboin ermordeten Gepidenkönigs) soll an Alboins Ermordung beteiligt gewesen sein.
Der langobardische Herrschaftsraum in Oberitalien sowie in Benevent und Spoleto zersplitterte nach dem Tod Alboins in mehrere Dukate, die fortan ihre eigene Politik betrieben.
In der Folgezeit kam es immer wieder zu Konflikten mit den Oströmern bzw. Byzantinern, die sich in Mittel- und Unteritalien längere Zeit halten konnten.
Erst den Königen Authari und Agilulf gelang es, dem Königtum wieder zu neuer Autorität zu verhelfen.
Im Laufe des 7. Jahrhunderts expandierte das Reich nochmals, und die Langobarden gaben schließlich auch ihr arianisches Bekenntnis auf. Liutprand, der 712 den Thron bestieg, war Katholik und konnte seine Macht sogar gegenüber den duces von Spoleto und Benevent (unabhängige langobardische Herzogtümer) zur Geltung bringen.
Das Ende für das Langobardenreichs kam mit der Eroberung durch die Franken 774 unter Karl dem Großen. Ideell wirkte ihr regnum jedoch auch im Heiligen Römischen Reich nach, wie die Krönung mehrerer römisch-deutscher Könige mit der "Krone der Langobarden" zeigt. Der Name Lombardei erinnert bis heute an sie.
Das Ende der Völkerwanderung
Die langobardische Reichsgründung von 568 war die letzte von überwiegend germanischen Kriegern getragene Herrschaftsbildung der Spätantike auf weströmischem Boden und markiert nach traditioneller Ansicht das Ende der großen Völkerwanderungszeit.
Damit war die Genese der frühmittelalterlichen politische Konstellation West- und Mitteleuropas weitgehend abgeschlossen.
Etwa um diese Zeit lassen sich auch die Bajuwaren erstmals nachweisen.
- Bajuwaren: Nach der Völkerwanderung bildete sich ab dem 6. Jahrhundert der Volksstamm der Bajuwaren aus einer sehr gemischten Bevölkerung, die sich in Altbayern, Österreich und Südtirol ansiedelte. Die Bezeichnung Bajuwaren leitet sich von Germanen aus Böhmen ab, doch der Stamm war ein "Schmelztiegel" aus romanisierten Kelten, germanischen Söldnern, Langobarden und Römern. Unter fränkischer Herrschaft entwickelten sich diese verschiedenen Gruppen zu einem bajuwarischen Stammesvolk.
Wenig später drangen die Slawen in viele einstmals germanische Gebiete sowie auf den römischen Balkan vor, wo sie sich nach 580 dauerhaft niederließen.
ENDE: Völkerwanderung
_________________________________________________________ANFANG: Die großen germanischen Reiche - während und nach der Völkerwanderung
Das Westgotenreich
Das Fundament für das Westgotenreich mit der Hauptstadt Tolosa (Toulouse), nach der die erste Phase dieses Reichs (418–507) auch Tolosanisches Reich genannt wird, bestand aus dem Föderatenland, das den Westgoten 418 in Aquitanien vom weströmischen Staat zugestanden wurde.
In der Folgezeit versuchten die Westgoten immer wieder, ihr Einflussgebiet zu erweitern; auch folgten sie dem Aufruf des Aëtius, gegen die Hunnen zu kämpfen.
Einen Einschnitt stellte die Regierungszeit Eurichs dar, der 466 durch Brudermord den Thron bestieg. Er brach 468 das foedus mit Westrom und betrieb eine weitaus expansivere Politik:
Im Norden stießen die Westgoten bis zur Loire vor...
Im Süden unterwarfen sie bald den Großteil Hispaniens (bis auf das Königreich der Sueben im Nordwesten, das sich noch bis ins 6. Jahrhundert halten konnte).
Im Osten zerschlugen die Westgoten 471 das letzte intakte römische Heer in Gallien und gewannen die Auvergne mit dem Vertrag von 475.
Bemerkenswert ist, wie sich die romanische Bevölkerung verhielt. In den Quellen wird erwähnt, dass in den gallischen Städten viele Männer sich die Haare lang wachsen ließen und Hosen trugen, also Kennzeichen der Barbaren übernahmen, was die weströmischen Kaiser in Krisenzeiten sogar Sklaven verboten hatten. Manche Römer traten in die Dienste der Westgoten und befehligten teils sogar westgotische Militärverbände. Da die Zahl der Westgoten (wie auch in den übrigen Reichen germanischer gentes) im Verhältnis zur romanischen Bevölkerung verschwindend gering war, verwundert diese Kooperationspolitik nicht. Der Arianer Eurich griff kaum in die bestehenden Besitzverhältnisse ein und führte auch keine religiösen Verfolgungen durch. Den Katholiken Südgalliens wurde lediglich die Einsetzung neuer Bischöfe untersagt, wohl um so eine Stütze des anti-gotischen Widerstands zu treffen.
Untergang des Westgotenreichs in Gallien und Hispanien - "Come Back" in "Spanien"
Eurich starb 484.
"VERLUST DES WESTGOTISCHEN GALLIENS"
Sein Sohn Alarich II. fiel 507 im Kampf gegen die expandierenden Franken unter Chlodwig
Infolge dieser Niederlage ging fast das gesamte gotische Gallien verloren, nur die Region um Narbonne (Septimanien) konnte gehalten werden, auch durch das Eingreifen der Ostgoten unter Theoderich dem Großen.
Dies hatte eine vollständige Umorientierung der Westgoten nach Hispanien zur Folge, wo sie im 6. Jahrhundert Toledo zu ihrer neuen Hauptstadt machten (daher Toledanisches Reich).
In Hispanien waren bereits auch die Oströmer präsent, die Im Rahmen der Restaurationspolitik des Kaisers Justinian um 550 Gebiete im Süden der Iberischen Halbinsel (Spania), wo sie sich bis zum frühen 7. Jahrhundert halten konnten.
"LETZE AUSFAHRT HISPANIEN"
Die inneren Verhältnisse der Reste des Westgotenreichs in Hispanien waren von häufigen Konflikten zwischen verschiedenen um das Königtum kämpfenden Adelsfamilien bestimmt:
König Leovigild, ein bedeutender Herrscher, trieb die Rechtskodifizierung voran und unterwarf die Sueben.
- Leovigild († April/Mai 586 in Toledo) war in den Jahren von 569 bis 586 König der Westgoten auf der Iberischen Halbinsel, ab 571/572 auch im Reichsteil Septimanien (im heutigen Südwesten Frankreichs).
Er bemühte sich vergeblich um die Überwindung des religiösen Gegensatzes zwischen Arianern und Katholiken. Erst Leovigilds jüngerer Sohn und Nachfolger Rekkared I. löste den Konflikt. Er erreichte 589 auf dem 3. Konzil von Toledo den Übertritt der Westgoten zum katholischen Glauben.
Die Herrschaft Leovigilds und Rekkareds war von maßgeblicher Bedeutung für das Westgotenreich. Zwar kam es nach Rekkareds Tod 601 weiterhin zu Rebellionen und Machtkämpfen zwischen rivalisierenden Adelsgeschlechtern, doch hatte sich das Westgotenreich in der Regierungszeit dieser beiden Herrscher konsolidiert.
Kulturell erlebte das Reich ab dem späten 6. Jahrhundert eine Blütezeit, deren namhaftester Repräsentant Isidor von Sevilla war. In den Klosterschulen wurde weitaus mehr vom antiken Wissen bewahrt als etwa bei den Franken, wodurch das Westgotenreich eine beachtliche kulturelle Strahlkraft erlangte.
Das Ende für die Westgoten kam überraschend: Die an der Küste Nordafrikas zu Beginn des 8. Jahrhunderts westwärts vorrückenden muslimischen Araber und Berber überquerten die Meerenge von Gibraltar und vernichteten das Gotenheer König Roderichs in der Schlacht am Río Guadalete im Juli 711; der König selbst fiel in der Schlacht.
- Roderich (spanisch Rodrigo; † zwischen 19. und 26. Juli 711 am Guadalete) war von 710 bis 711 König der Westgoten in Hispanien. In der Legende wurde er als letzter Gotenkönig bekannt.
Im Nordosten der Halbinsel leisteten die Goten noch bis etwa 719 Widerstand, den Reichsteil nördlich der Pyrenäen eroberten die Muslime 719–725.
Die unterworfenen Westgoten arrangierten sich mit den neuen Herren und traten teilweise zum Islam über.
"RÜCKEROBERUNG SPANIENS"
Erst später rebellierten westgotische Adlige in Asturien, von wo aus die Reconquista eingeleitet wurde. Die Könige des neuen christlichen Königreichs Asturien sahen sich als Nachfolger der Westgotenkönige und erhoben damit Anspruch auf deren ehemaliges Herrschaftsgebiet.
Reconquista: kastilisch und portugiesisch für "Rückeroberung" [aus arabischer Herrschaft], Bezeichnung für die Rückeroberung der ehemals christlichen westgotischen Reiche der Iberischen Halbinsel, die 719–725 von den Muslime erobert (Schlacht von Covadonga im Jahr 722) wurden. Die Rückeroberung des muslimischen Machtbereichs (al-Andalus) begann mit der Rebellion durch christliche Könige (die sich als Nachfolger der Westgotenkönige sahen) in Asturien. Als Beginn der Reconquista gilt üblicherweise die Schlacht von Covadonga im Jahr 722 zwischen katholischen Westgoten und Muslimen, als Endpunkt die Einnahme Granadas durch Katholische Könige am 2. Januar 1492.
Das Vandalenreich
Das Vandalenreich in der römischen Provinz Africa (weitgehend deckungsgleich mit dem heutigen Tunesien und Teilen Algeriens sowie Libyens; außerdem gehörten die Balearen, Korsika und Sardinien zu ihrem Herrschaftsbereich) stellt eine Ausnahme in den germanischen Reichsgründungen im Westen dar.
Zum einen verfügten die Vandalen nach der Eroberung Karthagos ("Tunesien") 439 über eine beachtliche Flotte, mittels derer sie den westlichen Mittelmeerraum weitgehend kontrollierten und sogar bis nach Griechenland vorstießen, zum anderen kam es in ihrem Herrschaftsbereich (arianisches Christentum) teilweise zu Verfolgungen der katholischen Mehrheitsbevölkerung, wenngleich sich dies meistens auf die Bischofsposten bezog.
Die Vandalenkönige hielten an ihrem arianischen Christentum fest und waren stets um dessen Förderung und Ausbreitung bemüht (dies unterschied sie von den ebenfalls arianischen Ostgoten).
Außenpolitisch war das Vandalenreich nach der erfolgreichen Abwehr der gesamtrömischen Operation 468 gefestigt (siehe oben), vor allem nach der Anerkennung durch Ostrom drohte keine unmittelbare Invasionsgefahr.
Der Untergang in Nordafrika
Das Ende des Vandalenreichs begann mit der Machtergreifung des Vandalen Gelimers, der den mit Ostrom sympathisierenden Vandalen König Hilderich 530 gestürzt hatte.
- Gelimer (Geilamir) war von 530 bis 534 der sechste und letzte König des Regnums der Vandalen in Nordafrika. Er war der Sohn Geilariths, Enkel Gentos sowie Urenkel König Geiserichs.
- Hilderich, (* um 457; † 533 in Karthago), war ein Enkel des weströmischen Kaisers Valentinian III. und von 523 bis 530 König der Vandalen in Africa. Hilderich war auch ein Enkel des Geiserich und Sohn des Hunerich und der Eudocia, der Tochter des Valentinian III. In ihm verband sich also die Theodosianische Dynastie, die von 364 bis 455 das Römische Reich regiert hatte, mit dem vandalischen Herrscherhaus der Hasdinger, die von 429 bis 534 über Africa herrschten.
Wohl recht zögerlich ergriff der oströmische Kaiser Justinian I. im Jahr 533 die Gelegenheit, um zu intervenieren. Schließlich wurde dennoch ein relativ kleines Invasionsaufgebot unter dem magister militum Belisar in Marsch gesetzt, das zunächst nur die Wiedereinsetzung des 530 von Gelimer gestürzten Hilderich erreichen sollte.
Gelimer ließ diesen aber töten.
Belisar landete mit knapp 15.000 Mann und errang in den Schlachten von Ad Decimum und Tricamarum (Ende 533) überraschend den Sieg über den nun amtierenden Vandalenkönig Gelimer (Gelimer war geschwächt, da vorher ein Aufgebot von 5000 Elitesoldaten zur Niederschlagung einer Revolte nach Sardinien in Marsch gesetzt hatte).
Gelimer flüchtete zwar, wurde aber bald darauf gefangen genommen und nach Konstantinopel gebracht, wo er am Triumphzug teilnehmen musste, ansonsten aber ein angenehmes Leben auf einem Landgut führen durfte.
Vandalische Truppen wurden in das kaiserliche Heer eingereiht und dienten in den Kämpfen Justinians gegen die Perser (siehe Römisch-Persische Kriege).
Das Vandalenreich wurde wieder römisch und blieb dies auch...
...bis zur Eroberung durch die Araber in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts.
Das Frankenreich
Die Franken waren ein Zusammenschluss verschiedener germanischer Stämme.
Sie waren 358 in Toxandrien angesiedelt, das im heutigen Flandern (Belgien) liegt.
- Flandern oder die Flämische Region (niederländisch Vlaams Gewest, französisch Région flamande) ist eine der drei Regionen des Königreichs Belgien und somit ein Gliedstaat des belgischen Bundesstaates.
Das römisch-fränkische Verhältnis
Das römisch-fränkische Verhältnis war recht stark von militärischen Konfrontationen geprägt, wenngleich fränkische Gruppen auch teils als römische Verbündete bzw. foederati agierten. 388 verwüsteten Franken die Region um Köln, wurden aber von römischen Truppen zurückgeschlagen (siehe Gennobaudes, Marcomer, Sunno). Mit dem weströmische Heermeister Stilicho gingen fränkische Krieger 407 gemäß ihrem Föderatenvertrag den eindringenden Vandalen, Alanen und Sueben entgegen, wuden aber von diesen geschlagen. In den nächsten Jahren nutzten fränkische Gruppen die wirre Lage in Gallien aus und expandierten, allerdings nicht unter einheitlicher Führung, im Mosel- und Niederrheingebiet; sie wurden erst von dem weströmischen Heermeister Aëtius gestoppt, der mit mehreren fränkischen reges neue foedera schloss.
Im Bündnis mit Aëtius vollzogen sich so wohl auch die Anfänge merowingischer Reichsbildung in Nordostgallien.
Nach dem Tod des Aëtius gingen Franken unter Ausnutzung innerrömischer Konflikte in größerer Zahl über den Rhein, unter anderem wurde Mainz gebrandschatzt; später folgten Köln und (wohl erst in den 480er Jahren) Trier.
Der salfränkische Kleinkönig Childerich I., half vermutlich dem weströmischen Feldherrn Aegidius, die Westgoten abzuwehren.
- Salfranken: Teilstamm der Franken, die neben den Ripuariern den Hauptstamm der Franken gebildet haben könnten.
Allerdings wird in der Forschung ebenfalls vermutet, dass beide Rivalen im Hinblick auf die Kontrolle der Reste der letzten weströmischen Armee in Gallien (dem exercitus Gallicanus) gewesen sind.
Childerich kämpfte, vermutlich mit weströmischer Hilfe gegen sächsische Plünderer unter Adovacrius, die in Gallien eingefallen waren und von einem gewissen Adovacrius angeführt wurden. Allerdings sind die Details unklar.
Auch ein grundsätzliches Rivalitätsverhältnis zwischen Franken und Gallorömern ist durchaus möglich. Aegidius errichtete im Raum von Soissons einen eigenen Herrschaftsbereich, nach seinem Tod folgte ihm nach kurzer Zeit sein Sohn Syagrius.
Anfänge merowingischer Reichsbildung in Nordostgallien
- Gallien (lateinisch Gallia) war ein antiker Begriff der Römer für das Gebiet der heutigen Länder Frankreich, Belgien, Teile der Schweiz und Norditaliens, ursprünglich bewohnt von keltischen Stämmen, den Galliern.
- Die Merowinger (selten Merovinger) waren das älteste Königsgeschlecht der Franken von Mitte des 5. Jahrhunderts bis 751. Sie wurden vom Geschlecht der Karolinger abgelöst. Merowech war nach der Mitte des 5. Jahrhunderts ein fränkischer Kleinkönig, der über eine größere Gefolgschaft von Franken gebot. Er residierte wohl in Tournai im heutigen Hennegau (Belgien) und war der Stammvater der späteren Frankenkönige aus dem Geschlecht der Merowinger.
Der Norden Galliens zersplitterte in der Folgezeit in eine Reihe kleinerer fränkischer Herrschaftsräume, während der Süden von Westgoten, Burgunden und schließlich Ostgoten (in der Provence) kontrolliert wurde.
Mit dem in Tournai (Belgien) residierende salfränkische Kleinkönig bzw. warlord Childerich I., Sohn des Merowechs, wird auch das fränkische Geschlecht der Merowinger historisch wirklich fassbar, die in der Folgezeit die fränkische Expansion sehr erfolgreich vorantrieben.
Childerichs Sohn Chlodwig vernichtete die fränkischen Kleinreiche Ragnachars und Chararichs und konnte so die meisten fränkischen Krieger unter seiner Herrschaft vereinen.
- Ragnachar: ein fränkischer Kleinkönig (regulus) Ende des 5. Jahrhunderts aus dem Geschlecht der Merowinger und ein Verwandter Chlodwigs I.
- Chararich: († um 509?) war ein salfränkischer Kleinkönig im 5. Jahrhundert n. Chr. Leben. Chararich war ein Vetter des Merowingers Chlodwig I.
- Syagrius († ca. 486/87) war ein spätantiker römischer Heerführer in Gallien. Er herrschte über ein Gebiet um Soissons, in dem sich sein Vater, der römische Heermeister Aegidius, vom Weströmischen Reich unabhängig gemacht hatte (heute zuweilen als "Reich von Soissons" bezeichnet). Als Abkömmling des gallorömischen Senatsadels war er der letzte selbständige "römische" Machthaber in Gallien. Er unterlag 486/87 dem fränkischen Heerführer und rex Chlodwig I. in der Schlacht bei Soissons und wurde später auf dessen Befehl hingerichtet.
486/87 eroberte Chlodwig das Reich des Syagrius, woraufhin sich ihm die verbliebenen römischen Soldaten in Nordgallien angeschlossen zu haben scheinen.
507 wurden von ihm die Westgoten in der Schlacht von Vouillé besiegt und fast ganz aus Gallien verdrängt; nur die Mittelmeerküste blieb vorläufig gotisch.
Gegen alamannische Gruppen, die nach dem Zusammenbruch der römischen Herrschaft in Gallien über den Rhein drängten und weiter östlich bis nach Noricum vorstießen, ging Chlodwig ebenfalls vor (vielleicht in zwei Alamannenkriegen).
Mit den Burgunden ging er ein Bündnis ein und heiratete eine burgundische Prinzessin. Chlodwig war ursprünglich wohl Heide (eine Minderheit von Forschern nimmt aber mit Ian Wood an, er sei Arianer gewesen), trat jedoch zu einem nicht näher bestimmten Zeitpunkt (wahrscheinlich aber eher gegen Ende seiner Herrschaft) zum Christentum über.
Entscheidend war, dass er sich dabei für das katholische Bekenntnis entschied und somit Probleme vermied, die sich bisweilen in den anderen egna zwischen den nichtrömischen Kriegern und der römischen Zivilbevölkerung ergaben. Das geschickte, aber auch skrupellose Vorgehen Chlodwigs sicherte den Franken eine beherrschende Stellung in Gallien und legte das Fundament für die erfolgreichste germanisch-romanische Reichsgründung, wobei Chlodwig noch heute oft (und völlig anachronistisch: nicht in eine bestimmte Zeit, Epoche passend und daher überholt; zeitwidrig, veraltet) als "Gründer Frankreichs" gefeiert wird.
Expansion des germanisch-romanische Reichs
Nach Chlodwigs Tod im Jahre 511 wurde die Herrschaft im Reich nach römischem Vorbild unter seinen Söhnen aufgeteilt, was jedoch keine Auswirkung auf den Einheitsgedanken hatte.
Die Franken setzten in der Folgezeit ihre aggressive Expansionspolitik fort: 531 vernichteten sie das Thüringerreich, 534 wurde das Burgundenreich erobert und in das Frankenreich integriert; die Ostgoten zwang man, als diese von Ostrom angegriffen wurden, wenig später zur Übergabe der gallischen Mittelmeerküste. Theudebert I. intervenierte sogar in Oberitalien und soll sogar daran gedacht haben, gegen Konstantinopel zu marschieren. Offenbar strebte er eine kaisergleiche Stellung an und dokumentierte sein Selbstverständnis unter anderem durch die Prägung von Goldmünzen mit seinem Namen, ansonsten ein Vorrecht des römischen Kaisers. Um 560 war das Reich noch einmal unter einem einzigen rex (= Chlothar I. ?) geeint, danach für viele Jahrzehnte nicht mehr.
- Theudebald (auch Theudowald; * um 537; † November/Dezember 555) als einzige Sohn des Königs Theudebert I. war er ein König der Franken aus dem Geschlecht der Merowinger. Er regierte von 548 bis 555 in dem Reichsteil, der später unter der Bezeichnung Austrasien bekannt war. Nach längerer Krankheit und Siechtum starb Theudebald schon im Jahr 555 kinderlos. Seinen Reichsteil erbte sein Großonkel Chlothar I., der Theudebalds Witwe Walderada heiratete.
"Innenpolitik" im germanisch-romanischen Reich
Im Inneren zogen die Franken die gallorömische Oberschicht und Bischöfe (siehe auch Bischofsherrschaft) für Verwaltungsaufgaben heran und nutzten auch das System der vor allem (nicht nur) in Südgallien verbreiteten römischen civitates.
Von vielen Galloromanen wurde die fränkische Herrschaft denn auch nicht als drückend empfunden. Der aus einem alten Senatorengeschlecht stammende Gregor von Tours, dessen Geschichtswerk eine wichtige Quelle für diese Zeit darstellt, bemühte sich sogar, die fränkische Geschichte in Einklang mit der römischen zu bringen, und verstand sich selbst als Untertan sowohl der Merowinger als auch der oströmischen Kaiser.
Vieles spricht dafür, dass man in Chlodwig keinen germanischen Eroberer zu sehen hat, sondern einen Verteidiger der römischen bzw. romanischen Gallia, der nach dem Kollaps der weströmischen Regierung das Machtvakuum füllte. Einige Historiker plädieren daher aufgrund der vielfältigen Kontinuitäten dafür, die gesamte Merowingerzeit noch zur Spätantike zu zählen.
Die Merowinger sollten ab der Mitte des 7. Jahrhunderts allerdings nur noch formal regieren, nachdem die reges in ähnlicher Weise entmachtet worden waren wie einst die weströmischen Kaiser.
- Die fränkischen Hausmeiern: Nachdem das Merowingerreich immer wieder Herrschaftsteilungen erfahren hatte, wurde auch das Amt des Hausmeiers aufgewertet, der nun für die Verwaltung des gesamten Königsgutes zuständig war und zu einem der wichtigsten Vertrauten des Königs wurde. Mit Zunahme ihrer Macht seit dem späten 6. Jahrhundert wurden die Hausmeier im Frankenreich damit ab dem 7. Jahrhundert faktisch Leiter der Regierungsgeschäfte.
Die wirkliche Macht lag nun offenbar zumeist bei den Hausmeiern, was schließlich 751 zur Ablösung der Merowinger durch die Karolinger führte.
Das Burgundenreich
Nachdem das Reich der Burgunden am Mittelrhein 436 vom weströmischen Heermeister Aëtius zerschlagen und ihre Überreste 443 in der Sapaudia angesiedelt worden waren, errichteten sie als römische Föderaten in der Region am Genfersee ein neues Reich.
- Sapaudia oder Sabaudia war ein Alpengebiet der Spätantike und des Frühmittelalters im Königreich Burgund.
- Das Königreich Burgund: war ein Staat im Süden des heutigen Frankreichs.
- Der Genfersee: ist der größte See sowohl Frankreichs als auch der Schweiz. Er liegt an der Grenze zwischen der Westschweiz und der französischen Region Auvergne-Rhône-Alpes.
Das Burgundenreich kämpft an der Seite West-Roms
Das Verhältnis der Burgunden zur weströmischen Regierung war ambivalent, wenngleich die Burgundenkönige stets auf ihre Legitimation bedacht waren.
Anders als viele andere germanische Föderaten hielten sich die Burgunden jedoch im Grundsatz an ihre vertraglichen Verpflichtungen und stellten sich mehrfach Invasoren entgegen:
Burgundische Truppen kämpften unter Aëtius gegen die Hunnen und beteiligten sich beispielsweise in 450er Jahren an der Offensive gegen die Sueben in Hispanien. 457 nahmen die Burgunden, die wirren Verhältnisse in Gallien nach dem Tod des Aëtius ausnutzend, Lyon samt der umliegenden Region ein. Im Jahr darauf räumten sie die Stadt, die erst 469 endgültig in ihren Besitz überging und fortan als Hauptresidenz der Burgundenkönige diente.
In der Auvergne (Landschaft in Zentralfrankreich) kämpften sie, wieder im römischen Auftrag, gegen die Westgoten. In den 470er und 480er Jahren führten sie Krieg gegen die Alamannen. Unter König Gundobad, der in der Zeit vor seiner Thronbesteigung weströmischer Heermeister war und ein Bündnis mit den Franken einging, reichte das Burgundenreich im Süden fast bis ans Mittelmeer, und im Nordosten wohl in die Region des Bodensees.
Romanisierungsprozess der Burgunden
Mit der Errichtung des Föderatenreichs in der Sapaudia nahm der Romanisierungsprozess der Burgunden zu, die Burgundenkönige erlaubten sogar das conubium, also die Heirat zwischen Burgunden und Provinzialrömern.
Die überraschend große Anpassungsfähigkeit der Burgunden ist wohl ein Grund dafür, dass fast keine burgundischen Selbstzeugnisse überliefert sind und die Assimilierung der ohnehin nur sehr geringen burgundischen Bevölkerung sehr schnell verlief.
Die gallorömische Führungsschicht, die sich mit den Burgunden arrangierte (siehe etwa Avitus von Vienne, wenn sich auch der Gallorömer Sidonius Apollinaris abfällig über die "stinkenden Barbaren" äußerte), sah in ihnen offenbar einen Garanten der bestehenden Ordnung.
Die Burgunden übernehmen Sapaudia
Die burgundische Landnahme in Sapaudia (Gebiet in Südfrankreich) verlief eher schleichend.
Erst nach der Absetzung des weströmischen Kindkaisers Romulus Augustulus 476 übernahm der Burgundenkönig Chilperich I. († um 480) in diesem Raum auch alle Herrschaftsrechte. neben Lyon fungierten Genf und Vienne als Residenzen. Wahrscheinlich um sich gegenüber seinen römischen Untertanen legitimieren zu können, ließ er sich aber vom oströmischen Kaiser seinen Rang als magister militum bestätigen.
Religionspolitisch gab es im Burgundenreich keine erkennbaren Streitigkeiten zwischen Arianern und Katholiken, obwohl die Burgunden das Christentum in arianischer Konfession angenommen hatten. Das Königshaus scheint aber recht bald zum Katholizismus tendiert zu haben.
Untergang - Die Franken beenden das Burgundenreich
In den 20er Jahren des 6. Jahrhunderts begannen die merowingischen Franken mit der Eroberung Burgunds, das dann 534 im fränkischen regnum aufging.
Dem Namen "Burgund" hingegen blieb eine erstaunliche Wirkungsgeschichte durch die Jahrhunderte beschieden.
Die Angeln, Sachsen und Jüten in Britannien
Abzug des west-römischen Feldheeres aus der römischen Provinz Britannien
Mit dem Abzug der letzten Einheiten des west-römischen Feldheeres zu Beginn des 5. Jahrhunderts war die römische Provinz Britannien den Angriffen der keltischen Pikten und Skoten fast schutzlos ausgesetzt (siehe oben).
- Pikten (picti "die Bemalten") ist der Name, den die Römer in der späten Antike für Völker in Schottland verwendeten. Der Ursprung der Pikten ist unklar. Ortsnamen und die Muster auf ihren allerdings späten kunsthandwerklichen Gegenständen und gravierten Steinen deuten darauf hin, dass es sich bei den piktischen Völkern um britannische Kelten gehandelt haben könnte. Ihre Feinde hingegen, die Skoten, waren gälisch-irische Kelten. Ihre Sprache und Kultur verschwanden, als die Reiche der Pikten und der keltischen Skoten 843 n. Chr. unter Kenneth MacAlpin vereinigt wurden.
- Skoten: gälisch-irische Kelten und Feinde der Pikten.
Weströmische "Rest-Verteidigung" in Britannien
Das Feldheer hatte die Insel unter Konstantin III. wohl vollständig geräumt, es ist aber schwer vorstellbar, dass nicht zumindest ein Minimum an Garnisonstruppen zurückgelassen worden ist, da die Insel als Ganzes 407/8 nicht aufgegeben wurde.
Ein letzter Hilferuf der britischen Römer um das Jahr 446 an den Heermeister Aëtius ist im Werk des Gildas über den "Niedergang Britanniens" überliefert:
"Die Barbaren treiben uns ins Meer, das Meer treibt uns zu den Barbaren zurück; so ertrinken wir oder werden niedergemetzelt."
– Gildas, De excidio Britanniae 20. Übersetzung nach Postel (2004), S. 97.
Aufgrund der überaus schlechten Quellenlage sind die nachfolgenden Ereignisse in Britannien nur in Grundzügen bekannt.
Um der Gefahr durch barbarische Stämme entgegentreten zu können, hatten die Römer in Britannien wohl irgendwann zwischen 410 und 440 sächsische Föderaten zur Hilfe gerufen (einige Forscher, etwa Guy Halsall, vermuten allerdings, dies sei schon früher erfolgt).
Die Sachsen rebellieren in Britannien
Die Sachsen hatten bereits im 3. Jahrhundert als Seeräuber den Römern Schwierigkeiten bereitet, nun wurden sie als Verbündete aufgenommen.
Bald jedoch erhoben sie sich (aus nicht genau bekannten Gründen) gegen die Römer – gallische Chroniken legen nahe, dass dies um 440 geschah.
Auch die germanischen Jüten (Dänemark) und Angeln (Norddeutschland) kamen nun auf die Insel und setzten sich dort fest (siehe Angelsachsen). Allerdings hat die archäologische Forschung nachweisen können, dass Germanen aus dem heutigen Norddeutschland und dem südlichen Dänemark bereits Ende des 4. Jahrhunderts in kleiner Zahl in das römische Britannien eingesickert waren und die Landnahme eher schleichend verlief, zumal die Germanen kaum in größerer Zahl nach Britannien übersetzten. Jüngste Untersuchungen legen nahe, dass sich viele romanisierte Kelten auf die Seite der siegreichen germanischen Neuankömmlinge schlugen und deren Sprache und Lebensweise übernahmen.
"Angelsachsen" gegen West-Rom - Britannien um 600
Laut dem im 6. Jahrhundert schreibenden Chronisten Gildas war ein "hochmütiger Tyrann" (superbus tyrannus) dafür verantwortlich gewesen, dass die Römerstädte Britanniens die Sachsen ins Land gerufen hatten.
Laut dem im 8. Jahrhundert schreibenden Kirchenhistoriker Beda Venerabilis waren die Sachsen vom romano-britischen Herrscher Vortigern als Söldner angeheuert worden und mit drei Schiffen unter dem Brüderpaar Hengest und Horsa an der Küste Britanniens gelandet. Diese Art von Herkunftssagen (siehe Origo gentis) sind auch bei den Goten oder Langobarden verbreitet, historische Berichte über Britannien aus dieser Zeit sind hingegen kaum überliefert. Dennoch zeigen die wenigen Quellen, dass es keineswegs zu einem vollständigen Zusammenbruch der römischen zivilen Ordnung gekommen war. Vielmehr entstanden vor und nach der sächsischen Invasion römisch-britische Kleinkönigreiche, die Forschung spricht von Sub-Roman Britain, die den Angelsachsen Widerstand leisteten.
Den germanischen Heerführern standen also zunächst romano-keltische gegenüber.
In diesen Zusammenhang ist auch die Schlacht von Mons Badonicus einzuordnen, die wohl um 500 stattfand und in der eine Koalition der römischen Briten unter einem historisch faktisch nicht fassbaren Ambrosius Aurelianus (siehe Artussage) siegte.
Der Sieg römischen Briten hatte wohl einen vorläufigen angelsächsischen "Siedlungsstopp" zur Folge.
Dennoch wurden die Briten schließlich in die Randregionen der Insel abgedrängt, etwa in den Norden sowie nach Wales und Südwestengland; Teile der Bevölkerung flohen auf das Festland nach Aremorica, in die heutige Bretagne.
Die Angelsachsen selbst operierten unter keiner einheitlichen Führung und führten auch untereinander Krieg.
Erst im 7. Jahrhundert bildeten sie größere germische Königreiche (siehe Heptarchie)
Die Christianisierung der Angelsachsen durch irischen Missionare im 7. Jahrhundert.
Im 9. Jahrhundert fielen die Wikinger in Britannien ein.
Die Langobarden in Italien
siehe oben: "Die Langobarden in Italien" und "Das Ende der Völkerwanderung"
Umsiedlung von Sachsen und Franken
In Folge der Sachsenkriege Karls des Großen (772–804), kam es 794, 804 und 808 zur Umsiedlung von Teilstämmen der Sachsen ins Innere des Frankenreiches und der Verpflanzung fränkischer Siedler ins nördliche Sachsenland bis zur Elbe.
Mit den Sachsenkriegen war die Völkerwanderungszeit im Nordwesten des Franken-Reiches endgültig zu Ende.
"Forschungsmythos"!?
In der modernen Forschung wird der Begriff "Völkerwanderung" zunehmend kritisch gebraucht, da nach heutiger Einschätzung das Bild von "wandernden Völkern" nicht haltbar ist und vielen Gelehrten mittlerweile als widerlegt gilt bzw. die Vorstellung einer Völkerwanderung grundsätzlich als "Forschungsmythos" verworfen wird.
Ethnogenese und Identitätsbildung
Ethnogenese (von altgriechisch éthnos "[nicht griechisches] Volk" und genesis "Geburt, Ursprung, Entstehung") ist eine moderne Methodenbezeichnung aus den Bereichen der Kultur- und Sozialwissenschaft, um den Vorgang der Entstehung eines Volkes beziehungsweise einer Ethnie zu beschreiben.
Ein "neues Volk" mit einer eigenen Identität, Kultur und möglicherweise Sprache und Mythologie sowie einem Gefühl der Zusammengehörigkeit kann durch länger andauernde Isolation einer Menschengruppe entstehen oder durch das Leben im selben Herrschaftsbereich. Der Historiker Herwig Wolfram betont, dass bei einer Ethnogenese keine Abstammungsgemeinschaft entsteht, sondern eine "politische Einheit", eine "Gemeinschaft gleichen Rechtes und sozialen Bewußtseins".
Häufig sind an der Ethnogenese eines Volkes auch andere Völkerschaften beteiligt, die ethnische, sprachliche und andere kulturelle Merkmale hinterlassen oder typische Eigenheiten des neuen Volkes mitprägen. Auch aus der Verschmelzung mehrerer Völker kann ein neues Volk entstehen. In diesem Sinne werden in der modernen Forschung weniger biologische als vielmehr historisch-soziale Entwicklungen betont, die schließlich zur Bildung eines Volkes mit eigener Identität führen. Die (ethnische) Identität ist hierbei entscheidend, die in einem wechselhaften Prozess entsteht, bei dem unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen.
In der historischen Forschung wird in den letzten Jahrzehnten vor allem die Bildung neuer Gruppen im Zeitraum des Übergangs von der Spätantike zum Frühmittelalter untersucht, in der Zeit der sogenannten Völkerwanderung. Zu einem regelrechten Paradigmenwechsel führten die Forschungen von Reinhard Wenskus und Herwig Wolfram, die allerdings in neuerer Zeit modifiziert und teilweise korrigiert wurden.
Statt fester Völker, die von einer "Urheimat" aus aufbrachen und sich nach einer "Wanderung" woanders neu ansiedelten, handelte es sich dem aktuellen Forschungsstand zufolge vielmehr um heterogene Gruppen, deren Zusammensetzung fließend war und deren Migration (aus jeweils unterschiedlichen Gründen) einen Prozess mit offenem Ausgang darstellte.
Manche dieser Verbände versuchten am Reichtum des römischen Imperiums als Vertragspartner zu partizipieren (womit der römische Staat kampffähige Truppen erhielt), andere griffen zu diesem Zweck zu militärischen Mitteln und errichteten neue Herrschaftsräume auf dem Boden des Westreiches. Dies war allerdings kein von Beginn an geplanter Prozess, so entwickelten sich die meisten der neuen Herrschaftsgebiete erst im Verlauf der Auflösung des römischen Westreichs (beschleunigt von internen römischen Machtkämpfen und begünstigt durch äußere Faktoren wie der Bedrohung durch das Hunnenreich unter Attila). Zu den Bewegungen der Kriegerverbände trat überdies die individuelle Migration von Kleingruppen und Einzelpersonen hinzu, da die Spätantike insgesamt von hoher Mobilität geprägt war.
Der Kerngedanke der modernen Forschung ist, dass man keine uranfängliche, überzeitliche und statische Entwicklung von Völkern voraussetzen kann, sondern sich Gruppen vielmehr in einem dynamischen sozialen Prozess zusammenschließen. Sie entwickeln erst anschließend eine eigene Identität, die sich beispielsweise in Herkunftsgeschichten ausdrückt (siehe Origo gentis).
Demnach sind Völker und Stämme keine biologisch determinierten Gemeinschaften, sondern Ergebnis der historischen Entwicklung.
In neuerer Zeit wird aufgrund kritischer Anmerkungen zum Ethnogenesebegriff (vor allem in Teilen der anglo-amerikanischen Forschung) eher der Identitätsbegriff benutzt, zumal dieser dem fortlaufenden Prozess einer nie völlig abgeschlossenen Identitätsbildung besser gerecht wird.
Origo gentis
Origo gentis bezeichnet in der Mittelalterforschung die Herkunftsgeschichte einer antiken oder mittelalterlichen gens (Sippe oder Volksstamm).
In den Origo gentis wurden zahlreiche zumeist fiktive, oft allgemeingültige Elemente vermischt. Im Mittelpunkt der Erzählung steht der Herkunftsmythos des jeweiligen gentilen Verbandes (etwa der Goten, Langobarden, Angelsachsen oder Franken), der zumeist anfangs mündlich überliefert und erst später schriftlich niedergelegt und mit Elementen antiken Bildungsguts angereichert wurde.
"Wandersagen" spielten in einer Origo gentis oft eine wichtige Rolle: Eine gens (Sippe oder Volksstamm) wandert aus und erreicht schließlich ein anderes Land, von dem (zumeist mit Gewalt) Besitz ergriffen wird. Bisweilen ist ein historischer Kern vorhanden (wie bei der Einwanderung der Angelsachsen nach Britannien); andere sind rein fiktive Erzählungen.
Ein recht häufiges Motiv der Herkunftsgeschichte eines Volksstamm (gens) war außerdem die sogenannte "primordiale Tat". Dabei handelte es sich um ein zentrales Ereignis einer gens, wie ein bedeutender Sieg, die Überschreitung eines Gewässers, ein angeblich seit Urzeiten existierendes Königtum göttlichen Ursprungs und andere. Kerngedanke war eine identitätsstiftende Tat bzw. Etablierung einer "neuen Ordnung", die für die gens fortan galt.
Diese ursprünglichen Bindungen sind nach dem US-amerikanischen Ethnologen Clifford Geertz stärker als jene, die Menschen in späteren Lebensphasen aus wirtschaftlichen Interessen oder politischen Überzeugungen eingehen. Es ist der Appell an diese Gefühle und diese affektiven (Affekt = Gemütserregung oder ein Gefühl) Bindungen, die den Erfolg ethnischer oder nationaler Vergemeinschaftung ermöglichen.
Die Origo gentis konnte als wichtiges Verbindungselement innerhalb einer gens (Sippe oder Volksstamm) dienen, das die ethnisch ansonsten inhomogenen Verbände zusammenhalten konnte oder erst identitätsstiftend wirkte.
Identitätsbildung der germanischen Stämme
Die germanischen "Stämme" (gentes, nationes) der Völkerwanderungszeit stellten nach heute dominierender Forschungsmeinung keine konstanten Einheiten oder Abstammungsgemeinschaften dar, auch wenn die römischen Quellen dies teils suggerieren.
Vielmehr schlossen sich beispielsweise den gotischen Verbänden auch Rugier oder Heruler an; einzelne Individuen und ganze Gruppen konnten ihre Zugehörigkeit wiederholt wechseln (allerdings nicht nach Belieben).
Wichtig in der Forschung ist in diesem Zusammenhang der komplexe Vorgang der Identitätsbildung (siehe auch Ethnogenese). Die Entstehung von ethnischen Identitäten (Ethnizität) in der Spätantike bzw. dem beginnenden Frühmittelalter wird heute nicht mehr als biologische Kategorie verstanden. Identitäten entstehen vielmehr in einem wechselhaften sozialen Prozess, bei dem mehrere Faktoren eine Rolle spielen.
In der Völkerwanderungszeit konnten sich verschiedene Gruppen unter einem neuen Anführer (siehe Heerkönig) zusammenschließen, wobei es in der Regel ausreichte, dem Verband loyal zu dienen.
So hat die Forschungsdiskussion der letzten Jahrzehnte ergeben, dass die Bezeichnung "Völkerwanderung" nach vorherrschender Ansicht der meisten Fachleute insofern irreführend ist, als in der Spätantike keine "Völker", sondern oft nur von einem Tross (Militäreinheit) begleitete Kriegerverbände migrierten, zu Beginn oft ohne genaues Ziel, die zudem ethnisch zumeist heterogen zusammengesetzt waren:
Die alte, bereits auf die Antike zurückgehende Vorstellung, eine ethnisch einheitliche Gruppe sei aus ihrer "Urheimat" aufgebrochen, auf der Wanderung ein homogener Verband geblieben und habe sich am Ende ihrer Wanderung anderswo neu angesiedelt, gilt als überholte und widerlegte Theorie.
"Heute hat die Wissenschaft Vorstellungen dieser Art aufgegeben (wenngleich sie aktuell im politischen Diskurs wieder an Raum gewinnen). Völker gelten mittlerweile als soziale Gebilde, die im Verlauf der Zeit vielfältigen Veränderungen unterlagen und sich nicht mehr als kohärente Einheiten durch die Jahrhunderte verfolgen lassen."
– Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung. München 2019, S. 102.
Die moderne Forschung hat vielmehr aufgezeigt, dass die Identität einer gens (Sippe oder Volksstamm) in der Regel am Ende dieses Prozesses eine andere war als am Anfang. Eine spätantike gens war eher eine Rechtsgemeinschaft, die in Größe und ethnischer Zusammensetzung stark variierte.
In diesem Sinne ist im Folgenden unter den Bezeichnungen für diverse gentes immer ein eher locker aufgebauter Verband von Kriegern mit familiären Anhang zu verstehen, dessen ethnische Zusammensetzung fluktuieren konnte. Diese Gruppen weisen ein hohes Maß an Instabilität und Heterogenität auf, wobei Zuwanderungs- und Abspaltungsprozesse erkennbar sind.
Persönlicher Kommentar:
So recht will mir nicht einleuchten worauf die "moderne Forschung" hinaus will wenn den Begriff "Völkerwanderung" als widerlegt darstellen oder als "Forschungsmythos".
Stört man sich hier nur an dem Begriff "Völker" oder ist nach deren Ansicht gar nichts "gewandert" oder von den Hunnen vertrieben worden.
Gab es demnach überhaubt Völker wie die Goten, Alamannen, Langobarden etc. oder waren das nur heterogene germanische Militär Horden, die erst der nach der sogenannten Völkerwanderungszeit als sogenannten Identitäten zu den Goten, Alamannen, Langobarden etc. wurden?
Wollen sie sagen niemand ist gewandert und alle Völker, gens, Sippen Volkstämme oder wie auch immer sind "vor Ort" gewachsen und entstanden, dort wo man sie auch nach der sogenannten Völkerwanderungszeit schlussendlich auch verortet hat?
Selbst wenn nach der Ethnogenese ein Volk bzw. Identität keine Abstammungsgemeinschaft sondern eine "politische Einheit" ist, es sich weniger biologisch als vielmehr historisch-soziale entwickelt hat , ist es dann nicht trotzdem ein Volk das Wandern und Vertrieben werden kann?
"Ethnogenese: Statt fester Völker, die von einer "Urheimat" aus aufbrachen und sich nach einer "Wanderung" woanders neu ansiedelten, handelte es sich dem aktuellen Forschungsstand zufolge vielmehr um heterogene Gruppen, deren Zusammensetzung fließend war und deren Migration (aus jeweils unterschiedlichen Gründen) einen Prozess mit offenem Ausgang darstellte."
Was heisst das genau? Gab es nach dem aktuellen Forschungsstand zufolge keine Goten die von den Hunnen ins oströmische Reich vertrieben wurden sondern vielmehr nur heterogene Gruppen die offenbar doch wanderten, nur nicht aus einem bestimmten Grund?
